Bosnien begegnen

In einem muslimischen Kloster bei Mostar kann man das Staunen lernen: über Pilgerinnen, Religionen, Nationalitäten, Kopfbedeckungen – und über sich und die Seinen. Von Marion Detjen (FAZ Blog).

Nicht weit von Mostar, der zwischen bosnischen Kroaten und bosnischen Muslimen geteilten, zerschossenen, immer noch mit Ruinen lebenden Stadt, liegt das alte Derwisch-Kloster: zart und würdig vor einer gewaltigen hellgrauen Felswand, die aus ihrer Tiefe einen Fluss entlässt, einen flaschengrünen Wasserstrom. Ein herzbeklemmend schöner und erhabener Ort, geschaffen für Gottsuchende aus aller Welt. In dem magischen Dreieck zwischen der wie ein Dom in die Höhe ragenden, schweigenden Wand, dem fließenden Wasser und dem architektonischen Kulturwerk des Klosters, das seinen Platz in der Natur ganz genau kennt, beten die Menschen und suchen ihre Identität.

Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt. Auf beiden Seiten des Wassers haben sich Restaurants angesiedelt, die gebratene Forellen anbieten, und in dem Hof des Klosters wird in Gläsern Kaffee und Tee serviert.

Wer in das musealisierte Kloster möchte, wo in jedem Raum Teppiche liegen, muss seine Schuhe ausziehen. An einem Holzgerüst hängt eine Auswahl schön bestickter, bunter Tücher. Frauen, die kein Kopftuch tragen, wählen sich eines aus und legen es sich um die Haare, bevor sie eintreten. Ohne Kopftuch kommt eine Frau nicht hinein.

Unten am Wasser ist mit einem Kettchen an der Klosterwand eine messingne Trinkschale befestigt. Man steht auf den steinernen Stufen und schöpft und trinkt. Da es dort eng ist, können die, die weinen, unbeobachtet ihre Tränen in den Fluss tropfen lassen. Von der Terrasse aus sieht man nur die Rücken und die bedeckten Köpfe. Ein junges, elegantes Paar aus Istambul schöpft jetzt und trinkt, das blasse Grün des Kopftuchs und das feine Grau des Mantels harmonieren mit der Farbe des Flusses. Während ich das Paar betrachte, nimmt ihr bosnischer Begleiter, ein junger Mann aus Sarajevo, dem wir auf unserer Reise später wunderbarerweise wieder begegnen werden, an meinem kleinen Sohn Anteil, der seinen Stock im Wasser verloren hat.

Ein Bosnien unter der Oberfläche

Kurz bevor wir zu dem Kloster kamen, hatte uns eine andere Zufallsbekanntschaft, auch ein junger Mann mit muslimischem Namen, von einer historischen Phantasie erzählt, die in Bosnien eine Integration der verfeindeten Gruppen ermöglichen soll: Im Mittelalter, bevor die Osmanen ins Land kamen, einte die bosnische Kirche die Menschen – weder katholisch, noch orthodox, vielleicht nicht einmal im engen Sinn christlich, sondern den Bogumilen verwandt: antimaterialistisch und doch weltzugewandt, und dem Islam gegenüber nicht feindlich. Es gebe, sagt er, noch heute ein Bosnien, ein Bosnien unter der Oberfläche, das nicht nach Religionszugehörigkeit und „Ethnie“ unterscheide, sondern ein Bosnien, in dem die GUTEN MENSCHEN einander helfen und schützen.

Könnten wir nicht alle, auch wir im reichen Westen, in diesem Sinne Bosnier sein?

In einem Raum im ersten Stock des Klosters liegt ein mit Tüchern geschmückter Sarkophag, der die Gebeine eines muslimischen Missionars aus dem 16. Jahrhundert aufbewahrt. Meine Tochter und ich lesen gemeinsam das Schild: Er sei in das Land gekommen, um den Glauben zu verbreiten, mit der Auflage, „keine Herzen zu brechen“, wahrheitsliebend zu sein und sich an das Gebot der „Genauigkeit“ („accuracy“) zu halten. Meine Tochter findet das Missionieren in fremden Ländern problematisch. Ich finde ein aktives Leben im Zeichen dieser Gebote überall gut.

Mein Mann sitzt im Hof mit zwei Studenten aus Sarajevo, die ihn für ein Forschungsprojekt um ein Interview gebeten haben. Sie sprechen kaum Englisch, die Verständigung ist schwierig. Es gebe Versuche, das Derwisch-Kloster christlich zu vereinnahmen. Würden wir, als Christen, glauben, dass der oben aufgebahrte Missionar eigentlich ein christlicher Missionar sei? Hätten wir von irgendeiner Seite Informationen in diese Richtung bekommen? Nein. Nein, wirklich nicht.

Es kommen Busladungen von türkisch sprechenden, jungen Leuten in den Hof. Die meisten Frauen tragen ein Kopftuch, aber nicht alle. Sie lachen, sie schwatzen, sie beten, im Vorraum der Damentoilette stehen sie vor den Spiegeln, schminken sich und binden ihre Kopftücher neu. Eine Gruppe spricht deutsch. Sie ist aus Ingolstadt angereist, eine Pilgerfahrt organisiert von ihrer Moschee, aber bezahlt vom türkischen Religionsministerium. Die Ingolstädter und wir erkennen uns als Landsleute. Mit einigen kommen wir in ein munteres Gespräch; andere wenden sich ab.

Die Frau am Klostereingang

Während wir unsere Forellen essen, setzt sich eine Familie an den Nebentisch, die vielleicht eher einen arabischen Hintergrund hat. Die Frau ist, als eine von ganz wenigen unter den vielen Pilgerinnen, vollständig verschleiert. Sie quatscht und macht Fotos, wie alle. Um ihr i-phone zu bedienen, legt sie ihre schwarzen Handschuhe ab. Aber wird sie hinter ihrem Schleier essen können? Wird sie hungrig bleiben?

Der Eingang des Klosters wird bewacht von einer alten, runzligen Frau. Auch sie trägt ein Kopftuch, aber anders gebunden als das der Jungen, und aus festem, orangenem Stoff. Die Schuhe, die wir achtlos ausgezogen haben, räumt sie säuberlich in das dafür vorgesehene Regal. Als wir das Kloster verlassen, hängen wir die Tücher, mit denen wir uns bedecken mussten, wieder an das Gerüst, zu den anderen Tüchern, die dort sorgfältig drapiert sind. Meine Tochter hat nicht so viel Erfahrung mit dem Zusammenlegen von Wäsche. Aber es fällt ihr auf, dass die alte Frau das von ihr benutzte Tuch neu faltet. So wie es ihr auch auffällt, dass an dem Freiheitsbegriff ihrer Freundinnen und Freunde, die in Mostar in den Cafés ihre nackten Beine auf die Stühle legen, etwas faul ist.

Sie sieht, dass ich den Tränen nahe bin. Sie lächelt mich an.

Die alte Frau beobachtet uns, so wie wir sie beobachten. Sie sieht meine andere Tochter, die nicht in das Kloster eintreten will und auch ihre Haare bedeckt hält, aber mit einer Kapuze.

Den Tränen nahe

Wir wissen nichts, überhaupt nichts, über diese Frauen, die ein Kopftuch tragen, so oder so gebunden, oder auch kein Kopftuch tragen. Ich weiß nicht, ob die Hüterin des Klostereingangs jemals ihr Kopftuch gerne abgelegt hätte und daran gehindert wurde; was sie mit diesem Kopftuch verbindet, ob es ihr nur eine Gewohnheit ist oder ob sie denkt, dass der Koran es ihr befielt; ob sie unterdrückt wird oder selbst andere unterdrückt. All das weiß ich nicht und würde mir niemals ein Urteil darüber erlauben, wie frei oder unfrei sie ist.

Aber ich weiß, dass ich es für mich als passend empfand, mir den schönen Stoff umzulegen, an den Grenzen zwischen dem Profanen und dem Heiligen, dem Inneren und Äußeren, dem Zeitlichen und Ewigen, und dass ich eine Verbündete dieser alten Frau werde, wo diese Grenzen ignoriert, instrumentalisiert, missachtet und verletzt werden. Bekäme sie die Chance – ein rein hypothetisches Gedankenspiel – in Deutschland Staatsexamen zu machen, sich zum Grundgesetz zu bekennen und als Lehrerin zu arbeiten – sie, oder ihre Tochter, oder ihre Enkelin – und würde ihr das Kopftuch dann noch etwas bedeuten, wäre ich froh, wenn sie es weiter tragen würde. Sie ist eine Bosnierin. Und von den Bosnierinnen und Bosniern gibt es viel zu lernen.