Bosnien-Herzegowina: Brückenkopf der Islamisten?

Mediale Berichterstattung beeinflusst sehr wesentlich das Meinungsbild der Menschen. Der Inhalt der vorbezeichneten Sendung erregt daher dieser Tage sehr viel Aufsehen und wird auch in den sozialen Netzwerken sehr kontrovers diskutiert. Von Edin Atlagić, Vorstandsvorsitzender der Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland

Die ARD sendete vor einigen Tagen zu sehr prominenter Sendezeit (Weltspiegel, 07.02.2016, 19:20 Uhr, Darko Jakovljevic, ARD Wien) eine Reportage über „den Alltag in einem bosnischen Dorf, in dem Salafisten den Ton angeben“.

Die Überschrift „Bosnien-Herzegowina: Brückenkopf der Islamisten“ ist mit einem Fragezeichen versehen. Auf die aufgeworfene Frage versucht ARD-Korrespondent Jakovljevic mit einer sehr oberflächlichen und tendenziösen Reportage eine Antwort zu finden.

Bosnien-Herzegowina

Bosnien-Herzegowina ist zunächst ein geschundenes Land. Ein Land, das sich von den Folgen des Angriffskrieges in den Jahren 1992-1995 nach wie vor nicht erholt hat. Die mehrheitliche Bevölkerung des Landes stellen auch heute noch Bosniaken, bosnische Muslime. Sie waren auch die Hauptopfer eines rücksichtlos geführten Vernichtungsfeldzuges vor den Augen der gesamten, tatenlosen Weltöffentlichkeit.

Bosnien-Herzegowina ist ein Land, das durch ethnische Säuberungen nachhaltig geprägt und gezeichnet ist. Ein Drittel der Bosniaken lebt heute nicht (mehr) in Bosnien-Herzegowina. Diese Menschen wurden gewaltsam vertrieben. Viele fanden auch in Deutschland Zuflucht und Schutz.

3773250875_6801a7d32a_o

Massengrab in der Nähe von Srebrenica. Bild: Adam Jones

Bosnien-Herzegowina ist heute ein mit Massengräbern übersätes Land. In Bosnien-Herzegowina hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine regelrechte „Exhumierungsindustrie“ entwickelt, die mit der Aufdeckung von primären, sekundären und tertiären Massengräber beschäftigt ist. Die sterblichen Überreste gefolterter und hingerichteter Menschen wurden oft aus den ursprünglichen (primären) Massengräbern mit schwerem Gerät in andere (sekundäre und tertiäre) Massengräber verfrachtet. Viele dieser Massengräber sind noch immer unentdeckt. Tausende Angehörige hoffen noch immer auf eine menschenwürdige Beisetzung ihrer engsten Familienmitglieder.

Bosnien-Herzegowina ist ein Land, in dessen ursprünglich mehrheitlich von Bosniaken bewohnten Städten wie Prijedor, Zvornik, Foča, Čajniče, Bratunac, Bijeljina oder Višegrad heute nur noch eine Handvoll bosniakischer Rückkehrer lebt. Sie sind in dem von Serben dominierten Landesteil „Republika Srpska“ (Serbische Republik) Menschen zweiter Klasse, deren Kindern man sogar das Recht auf muttersprachlichen Unterricht in bosnischer Sprache verwehrt.

02-srusena-dzamija

Zerstörte Moschee in Bosnien.

Bosnien-Herzegowina ist ein Land, in dem die mehrere Hundert Jahre alte Ferhadija-Moschee in Banja Luka, einst UNESCO-Weltkulturerbe, 1993 von serbischen Extremisten gesprengt wurde. Ihr Schicksal teilten während des Vernichtungsfeldzuges mehr als 1.000 islamische und katholische Gotteshäuser und Kulturgüter auf von Serben kontrolliertem Gebiet. Die Ferhadija wurde mittlerweile wieder errichtet und erstrahlt heute im alten Glanz. Die Trümmerreste des Gotteshauses mussten dazu teilweise von Mülldeponien geborgen werden.

Bosnien-Herzegowina ist das Land von Omarska und Keraterm. Zwei von vielen Konzentrationslagern für Muslime während des Vernichtungsfeldzuges, dessen Bilder 1992 um die Welt gingen und die sich, in schwarz-weiß betrachtet, in keiner Weise von Bildern aus dem KZ Auschwitz während des Holocaust unterscheiden.

Bosnien-Herzegowina ist ein Land, dessen Hauptstadt Sarajevo 1.425 Tage belagert wurde. Während der Belagerung wurde die Zivilbevölkerung rücksichtlos terrorisiert. Insgesamt wurden während der Belagerung ca. 11.000 Menschen getötet, darunter 1.600 Kinder. Ermordet durch Heckenschützen und Granatenbeschuss.

19045800743_8dc8c9e2d3_o

Potocari-Tal in Srebrenica. Bild: Tamic Varga

Srebrenica ist in Bosnien-Herzegowina. Die ehemalige UN-Schutzzone wurde nach vierjähriger Belagerung und Aushungerung der Bevölkerung durch serbische Einheiten gestürmt. In den Tagen darauf wurden mehr als 8.000 Menschen getötet. Ein Verbrechen, das vom Haager Kriegsverbrechertribunal als GENOZID gewertet wurde. Vor einigen Tagen verstarb einer der vielen Verantwortlichen für den Völkermord, der verurteilte Kriegsverbrecher und Ex-General Zdravko Tolimir in seiner Haager Gefängniszelle. Der Kriegsverbrecherprozess gegen die Hauptverantwortlichen Ratko Mladic und Radovan Karadzic neigt sich derweil auch seinem Ende zu. Betrachtet man die Insassen, könnte man Den Haag fast schon den Status einer serbischen Exilgemeinde verleihen.

Bosnien-Herzegowina ist schließlich ein Land mit einem Staats- und Verwaltungssystem bar jeder Vernunft. Geschaffen durch den Daytoner Friedensvertrag, der ursprünglich nur eine Übergangslösung darstellen sollte. Ein Landesteil bezeichnet sich als „Serbische Republik“, hier werden Mladić und Karadžić weiterhin von der Mehrheit der Bevölkerung als Helden verehrt. Ein Staatssystem, das einer Zwangsjacke gleicht, von der internationalen Gemeinschaft sauber und träge verwaltet.

Ist Bosnien-Herzegowina ein Brückenkopf der Islamisten?

Nein. Denn die bosnischen Muslime waren es, die sich als einzige der drei Volksgruppen dominant für einen multi-ethnischen und multi-konfessionellen Staat Bosnien-Herzegowina einsetzten, obwohl sie während des Angriffskrieges ihre völlige und systematische Vertreibung und Vernichtung vor Augen hatten, einer hochgerüsteten Armee gegenüber standen, von der Außenwelt ignoriert und abgeschnitten.

3080512746_e52c4eb621_b

Serbisch-Orthodoxe Kirche in Sarajevo. Bild: Jaime Silva

Nein. Denn in Sarajevo, wie auch in allen anderen von bosnischen Muslimen dominierten Landesteilen und Städten wurden während des Krieges keine serbisch-orthodoxen, katholischen oder jüdischen Gotteshäuser vorsätzlich durch Muslime zerstört. Im Gegenteil. Die Bosniaken fühlten sich ihrer Jahrhunderte alten Tradition verpflichtet, die Kultur, Tradition und Religion ihrer Mitbürger und Nachbarn zu schützen und zu bewahren.

Nein. Denn es gab während des Krieges keine systematischen Rachedelikte gegen die nichtmuslimische Bevölkerung. Diese gab es auch in den letzten zwei Jahrzehnten nicht. Die vertriebenen Muslime aus Bosnien-Herzegowina haben niemals, zu keinem Zeitpunkt, in keinem Land der Welt ausländische Botschaften gestürmt, fremdes Eigentum zerstört oder gewaltsam gegen die Untätigkeit der Weltgemeinschaft demonstriert. Auch gab es keine Einzeltäter aus den Reihen der bosnischen Muslime, die entsprechende Racheakte und Gewalttaten verübt haben.

Nein. Denn die religiöse Obrigkeit der Bosniaken hat niemals, zu keinem Zeitpunkt, zu Racheakten oder Gewalttaten gegen Nichtmuslime, ihr Eigentum oder ihre Kulturgüter aufgerufen. Im Gegenteil. Es ist die Islamische Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina, die konsequent ein Miteinander und Zusammenleben der verschiedenen Volksgruppen propagiert und einfordert. Während der schlimmsten Phasen des Krieges, aber auch heute noch.

Nein. Denn Jahrhunderte lang lebten verschiedene Konfessionen und Ethnien in Bosnien-Herzegowina unter osmanischer, islamischer Herrschaft zusammen und konnten sich entfalten. Der Islam und die islamische Lehre sind auch maßgeblich verantwortlich dafür, dass während des Krieges die Werte der zivilisierten Welt in Sarajevo und in anderen von bosnischen Muslimen dominierten Städten hochgehalten und verteidigt wurden, trotz der Gleichgültigkeit der internationalen Staatengemeinschaft.

Was ist Bosnien-Herzegowina?

Bosnien-Herzegowina ist ein wunderschönes Land. Ein Land mit einer vielfältigen Natur und bewegenden Geschichte. Ein Land, in dem Menschen verschiedener Konfessionen und Ethnien über Jahrhunderte weg friedvoll zusammengelebt haben.
Bosnien-Herzegowina ist ein Land großartiger und talentierter Menschen. Viele dieser Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

Einer dieser Menschen, Edin Hasanović, wurde vor wenigen Tagen mit der „Goldenen Kamera“ als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet. Edin ist Bosniake, bosnischer Muslim. Zusammen mit seiner Mutter floh er vor dem Vernichtungsfeldzug und den ethnischen Säuberungen aus der ostbosnischen Stadt Zvornik nach Deutschland. Sein Vater fiel damals den Mörderbanden zum Opfer.

Die bosnischstämmige Aida Hadžialić, Bildungsministerin in Schweden.

Einer dieser Menschen, Aida Hadžialić, floh mit ihren Eltern aus dem ostbosnischen Städtchen Foča. Aida erhielt als fünfjähriger Kriegsflüchtling mit ihrer Familie Asyl in Schweden. Sie studierte Jura an der Universität Lund und wurde 2010 stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde Halmstad. Mit 27 Jahren wurde sie 2014 Bildungsministerin und damit die jüngste Ministerin in der schwedischen Geschichte.

Edin und Aida stehen stellvertretend für Hunderttausende Bosniaken und Bosniakinnen, die sich nachweislich vorbildlich in neue Gesellschaften integriert haben und einen wertvollen Beitrag für das Gemeinwohl leisten. Sie stehen stellvertretend für die Bosniaken und bosnischen Muslime, für Bosnien-Herzegowina.

Bosnien-Herzegowina ist ein gezeichnetes Land. Ein Land, das zusammen mit all seinen Bürgern nach Jahrzehnten des Leidens eine Perspektive verdient hat. Allen oberflächlichen und tendenziösen Medienkampagnen und Konstruktionen zum Trotz.

Zum Originalartikel.