Bosnien-Herzegowina setzt moderaten Aufschwung fort

Privater Verbrauch und Bruttoanlageinvestitionen im Plus. Importminus durch Tief bei Rohstoffpreisen. Von Jan Triebel (Germany Trade & Invest)

Konjunkturell sieht sich die bosnisch-herzegowinische Wirtschaft gegenwärtig recht gut aufgestellt. Sie hielt sich 2015 mit einem Plus von etwa 2,5% bereits das dritte Jahr in Folge auf Wachstumskurs. Wichtige Impulsgeber sind die anhaltend rege Exportnachfrage und das robuste Investitionsgeschehen. Dank mehrerer Ausbau- und Modernisierungsprojekte im Energiesektor sowie in der Verkehrs- und Kommunalinfrastruktur bestehen auch Lieferchancen für ausländische Anbieter.

Die Wirtschaft von Bosnien und Herzegowina ist 2015 weiter gewachsen. Im Vergleich zu dem von einem Jahrhunderthochwasser und dessen Folgen geprägten Vorjahr konnte sogar wieder mehr Tempo aufgenommen werden. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte um schätzungsweise 2,5% zu. Vorausgesetzt, die in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht für das Land wichtige Reformagenda wird zielstrebig abgearbeitet und externe Schocks bleiben aus, dürfte der konjunkturelle Aufwärtstrend sich auch 2016 fortsetzen.

Mit Blick auf die Entwicklung des BIP bis Ende September 2015 halten manche Experten für das Gesamtjahr 2015 sogar ein noch etwas höheres Wachstum für möglich. Vorläufigen Angaben der bosnisch- herzegowinischen Statistikagentur zufolge war die Wirtschaft während der ersten drei Quartale gegenüber den jeweiligen Vorjahreszeiträumen um zwischen 2,2 und 4,3% expandiert.

Verarbeitendes Gewerbe legt dank robuster Exporte zu

Die gute Auslandsnachfrage nach Industriewaren erwies sich erneut als eine der Hauptzugkräfte, die auch nicht zuletzt dem lokalen verarbeitenden Gewerbe auf Jahresbasis zu einem Fertigungsplus von vorläufig 4,8% verhalf. Denn einen Schwerpunkt der Aktivitäten bosnisch-herzegowinischer Fabriken bilden traditionell Erzeugnisse, die auf Auftragsarbeiten im Rahmen von exportorientierten Veredlungsaktivitäten vor Ort zurückgehen. Im Jahr 2015 standen solche für knapp ein Drittel aller Warenausfuhren.

Die Nachfrage der privaten Haushalte auf dem einheimischen Markt fällt aufgrund der zumeist recht bescheidenen Einkommen zwar nach wie vor recht überschaubar aus. Bereits seit 2014 verbucht der private Konsum jedoch auch wieder leichte Zuwächse, was mit der nahezu gegen Null tendierenden Inflation zu tun hat. Verwendungsseitig profitiert der wirtschaftliche Aufschwung aktuell zudem von der recht dynamischen Entwicklung der Bruttoanlageinvestitionen.

 

Wirtschaftliche Entwicklung 2013 bis 2016 (reale Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %)

2013

2014 1)

2015 2)

2016 3)

BIP

2,4

1,1

2,5

3,0

Einfuhr 4)

-0,2

8,1

4,2

5,0

Bruttoanlageinvestitionen

-1,0

10,1

5,5

6,1

Privater Verbrauch

0,0

2,2

1,3

1,7

1) vorläufig; 2) Schätzung; 3) Prognose; 4) Waren und Dienstleistungen

Quellen: Agencija za statistiku BiH (Statistikamt BuH), Direkcija za ekonomsko planiranje BiH (DEP, Direktion für Wirtschaftsplanung), Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), Internationaler Währungsfonds (IWF), The Economist Intelligence Unit (EIU)

 

Wirtschaftliche Eckdaten

Indikator

2013

2014 *)

Vergleichsdaten Deutschland 2014

BIP (nominal, Mrd. Euro)

13,7

13,9

2.916

BIP pro Kopf (Euro)

3.568

3.642

36.041

Bevölkerung (Mio.)

3,83

3,83

80,9

(fixierter) Wechselkurs (1 Euro = …KM)

1,95583

1,95583

*) vorläufig
Quellen: Statistikamt BuH, Statistisches Bundesamt (Destatis), Deutsche Bundesbank

Investitionen dienen als Wachstumsmotor

Auch 2015 hat das Investitionsgeschehen die maßgeblichen Wachstumsimpulse für die bosnisch- herzegowinische Wirtschaft geliefert. Zwar dürfte der Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen etwas weniger markant als im Vorjahr (2014: revidiert +10,1%) ausgefallen sein. Indem mehrere größere Vorhaben in den Schwerpunktbereichen Energie- und Verkehrsinfrastruktur begonnen oder fortgeführt wurden, dürfte sich Schätzungen zufolge der Zuwachs im Bereich von immer noch recht beachtlichen 5,5% bewegt haben. Eine ähnlich hohe Dynamik erwarten Beobachter auch für 2016.

Ob sich darin auch das Engagement privater Kapitalanleger aus dem Ausland positiv niederschlagen wird, bleibt zunächst abzuwarten. Deren Interesse an Bosnien und Herzegowina schien sich zuletzt merklich abgekühlt zu haben. Nach einer deutlichen Zunahme der Aktivitäten ausländischer Akteure im Land im Jahr 2014 (+87,0% auf 366,5 Mio. Euro) fielen diese 2015 wieder zurückhaltender aus. Angaben der Zentralbank zufolge betrugen die Zuflüsse an ausländischen Direktinvestitionen während der ersten drei Quartale 2015 nur 159,9 Mio. Euro. Das Vergleichsniveau von einem Jahr zuvor wurde somit klar um 45,3% verfehlt.

Geringe Einkommensdynamik zügelt den privaten Verbrauch

Der Verbrauch der privaten Haushalte legte zuletzt zwar leicht zu, insgesamt blieb er aber weiterhin recht impulsarm. Dies hat vor allem damit zu tun, dass Löhne und Gehälter nach wie vor kaum spürbare Ausschläge nach oben aufweisen. Der durchschnittliche Nettolohn lag im November 2015 mit umgerechnet 422 Euro nominal um 0,5% höher als im entsprechenden Monat ein Jahr zuvor.

Beobachter rechnen jedoch mittelfristig mit einem merklichen Anziehen der Nachfrage der privaten Verbraucher. Dafür sprechen nicht zuletzt die kontinuierlich steigenden Spareinlagen, die als Zeichen für eine gezielte Kaufzurückhaltung gelten. Die entsprechenden Einlagen bei den gut zwei Dutzend Kreditinstituten im Land erhöhten sich gegenüber dem Stand Ende 2014 nach Angaben der Zentralbank bis Ende September 2015 um 6,5% auf umgerechnet 4,92 Mrd. Euro.

Gestärkt werden die Einkommen vieler Haushalte, und damit auch der Konsum, zudem durch nennenswerte Überweisungen von im Ausland lebenden Bosniern an ihre Familien in der Heimat. Die Transfers machten Daten der Zentralbank zufolge in den ersten drei Quartalen 2015 immerhin umgerechnet 886,2 Mio. Euro aus. Das Vergleichsniveau des Vorjahreszeitraums wurde somit um 1,7% übertroffen.

Gesunkene Rohstoffpreise ziehen Gesamtimporte leicht ins Minus

Obwohl privater Verbrauch und Bruttoanlageinvestitionen 2015 wuchsen, haben die Warenimporte des Landes einen Aufwärtstrend vermissen lassen. Mit umgerechnet gut 8,1 Mrd. Euro gaben die Einfuhren im Vorjahresvergleich wertmäßig um 2,1% nach. Doch längst nicht alle Warengruppen folgten diesem Negativtrend.

Vielmehr wurde dieser vornehmlich von den Rohstoffpreisen spürbar beeinflusst, die im Jahresverlauf stark nach unten wiesen. So schlug mit einem Rückgang des Lieferwerts um mehr als ein Viertel der Preisverfall bei Rohöl und Erzeugnissen daraus besonders deutlich durch, deren Bezüge 2015 zusammen für knapp ein Zehntel aller Importe des Landes standen.

Für 2016 gilt es als wahrscheinlich, dass der Sonderfaktor Ölpreisbaisse sich kaum noch im Einfuhrvolumen negativ niederschlagen wird. Vielmehr sollten der leicht freundlich gestimmte Privatkonsum und die moderat anziehende Investitionen den Importbedarf bei Konsum- wie Investitionsgütern wieder beflügeln.

Den lokalen exportorientierten Unternehmen kam 2015 erneut das gute Kaufinteresse im Ausland zugute. Mit einem wertmäßigen Plus von 3,5% auf umgerechnet knapp 4,6 Mrd. Euro blieb der Zuwachs der Ausfuhren aber recht überschaubar.

Außenhandel von Bosnien und Herzegowina (in Mio. Euro; reale Veränderung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in %)

2014

2015 *)

Veränderung 2015/2014

Importe

8.282,6

8.104,8

-2,1

Exporte

4.439,9

4.595,1

3,5

Handelsbilanzsaldo

-3.842,7

-3.509,7

*) vorläufig
Quelle: Statistikamt BuH, umgerechnet zum offiziellen Festkurs der Zentralbank BuH: 1 Euro = 1,95583 KM

Einfuhr nach Warengruppen (in Mio. Euro; Veränderung im Vergleich zum Vorjahr in %)

SITC Warengruppe

2014

2015 *)

Veränderung 2015/2014

0 Nahrungsmittel/lebende Tiere

1.083,5

1.129,5

4,2

5 Chemische Erzeugnisse

1.045,6

1.062,6

1,6

.51 Organische Chemikalien

36,9

34,1

-7,6

.54 Arzneimittel

284,6

270,6

-4,9

.57 Kunststoffe in Primärformen

143,2

149,3

4,3

6 Vorerzeugnisse

1.785,8

1.831,4

2,6

.67 Eisen/Stahl

257,4

267,8

4,0

7 Maschinen und Fahrzeuge

1.712,2

1.662,1

-2,9

.71 Kraftmaschinen

105,5

62,9

-40,4

.72 Arbeitsmaschinen

182,8

185,7

1,6

.74 Maschinen für verschiedene Zwecke

307,2

291,4

-5,1

.77 Elektrische Maschinen

311,1

298,6

-4,0

.78 Kraftfahrzeuge

510,0

526,9

3,3

8 Fertigerzeugnisse

770,0

797,6

3,6

.87 Mess-, Prüf- und Kontroll-instrumente, -apparate und – geräte

71,7

74,7

4,2

*) vorläufig
Quelle: Statistikamt BuH, umgerechnet zum offiziellen Festkurs der Zentralbank BuH: 1 Euro = 1,95583 KM (T.J.)

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