Bosnien und Herzegowina – 25 Jahre Unabhängigkeit mit Schönheitsfehlern

Nach Slowenien, Kroatien und Mazedonien löste sich auch Bosnien-Herzegowina vom Bundesstaat Jugoslawien. Aber die drei Staatsvölker Bosniens hatten von der Zukunft des Landes diametral verschiedene Vorstellungen. Als Präsident Izetbegovic heute vor 25 Jahren die Unabhängigkeit erklärte, war der drohende Bürgerkrieg schon kaum noch abzuwenden. Von Norbert Mappes-Niediek (Deutschlandfunk).

Feststimmung herrschte keine in Sarajevo, als am 3. März 1992 Präsident Alija Izebegovic die Unabhängigkeit Bosniens und der Herzegowina erklärte. Zwar hatte gerade zwei Tage zuvor eine überwältigende Mehrheit von 99,7 Prozent für die Unabhängigkeit ihrer Republik vom Bundesstaat Jugoslawien gestimmt. Aber das Ergebnis hatte einen schweren Schönheitsfehler: Die Serben, die von den rund viereinhalb Millionen Einwohnern des Teilstaats rund ein Drittel ausmachten, hatten nicht mitgestimmt. Dabei gab es in Bosnien laut Verfassung drei gleichberechtigte Völker: Die bosnischen Muslime, die im jugoslawischen System als Nation galten, die Serben und die Kroaten.

Die Lage war seit Monaten gespannt. Alle drei nationalen Parteien, nicht nur die der Serben, unterhielten bewaffnete Einheiten. Der Zeithistoriker Husnija Kamberović lebte schon damals in Sarajevo:
„Ich erinnere mich an Gespräche aus diesen Tagen. Viele von uns haben gedacht, es würde zwar vielleicht zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen. Aber man meinte, das würde sich dann wohl auf die eine oder andere Abrechnung beschränken, wie, sagen wir, etwa bei der Übernahme von Sarajevo.“

Dabei war es am Sonntag, dem zweiten Tag der Abstimmung, zu einem Zwischenfall gekommen: Ein kleiner paramilitärischer Stoßtrupp hatte eine serbische Hochzeitsgesellschaft überfallen und den Vater des Bräutigams erschossen. Von da an war die Kriegsgefahr in aller Munde. Dazu Husnija Kamberović:
„Die Leute sind in die Wahllokale gegangen, haben abgestimmt. Es herrschte keine große Euphorie, aber man empfand auch keine besondere Gefahr, bis es dann zu diesem Mord an dem serbischen Hochzeitsgast im Basarviertel kam. Aber selbst da kam es im Laufe des Tages noch zu keinen größeren Aufwallungen oder Demonstrationen. Das war erst am Abend, als Karadžić den Mord praktisch zum Vorwand dafür nahm, nun nicht mehr in Bosnien-Herzegowina bleiben zu können.“

Krieg war geradezu unausweichlich

Die Kriegsgefahr war allen Beteiligten nur zu bewusst. Schon im Vorjahr hatten sich zwei der sechs Republiken, Slowenien und Kroatien, vom jugoslawischen Bundesstaat abgespalten. In Kroatien war es daraufhin zu einem Krieg mit 10.000 Toten gekommen. Die Führung Serbiens, der größten Teilrepublik, wollte nicht zulassen, dass Serben künftig in Kroatien zur Minderheit würden. Und so besetzte die serbisch dominierte Bundesarmee die serbisch besiedelten Teile Kroatiens. Das Ziel war, sie später einem vergrößerten Serbien einzuverleiben.

Wenn Jugoslawien auseinanderfiel, bedeutete das auch: Mehr als anderthalb Millionen Serben würden künftig als Minderheit in einem Nachbarland Serbiens leben müssen. Vor allem in Bosnien: Hier machten die Serben 33 Prozent der Bevölkerung aus. Die bosnischen Muslime aber fürchteten nun, nach der Abspaltung Kroatiens und Sloweniens, zur bedrängten Minderheit in einem serbisch geprägten Rumpf-Jugoslawien zu werden. Die Kroaten schließlich wollten sich am liebsten dem unabhängigen Kroatien anschließen. Eigentlich hätten der Tradition nach alle drei Nationen über das Schicksal des Landes gemeinsam entscheiden sollen. Aber wie? Keine Chance mehr, so Husnija Kamberović:

Drei Jahre Krieg, 100.000 Tote

„Wenn Slowenien und Kroatien sich damals noch nicht abgespalten hätten, wäre Karadžićs Beharren darauf, dass eine Entscheidung nur mit Zustimmung aller drei Völker fallen dürfe, annehmbar gewesen. Aber im damaligen Zusammenhang, als Slowenien und Kroatien schon weg waren, war dafür kein Raum mehr. Zumal Karadžić ja schon 1990 und 1991 klar gezeigt hatte, dass sein alles überragendes Ziel der Verbleib Bosnien-Herzegowinas in Jugoslawien war, gleich unter welchen Umständen.“

UNO würde das Schlimmste schon verhindern

Der Krieg lag damit nicht nur in der Luft. Er war geradezu unausweichlich. Hätten die bosnischen Muslime eingelenkt und angesichts der serbischen Drohungen auf die Unabhängigkeit verzichtet, hätten eben die Kroaten zu den Waffen gegriffen – was sie bald darauf dann auch tatsächlich taten. Nur dass der Krieg mehr als drei Jahre dauern, 100.000 Menschenleben kosten und die Hälfte der Bevölkerung in die Flucht treiben sollte: Das ahnte niemand im Land. Kurz zuvor hatte die UNO unter dem Namen Unprofor eine Friedenstruppe aufgestellt. Die würde das Schlimmste schon verhindern, dachten die Befürworter der Unabhängigkeit, so Husnija Kamberović :
„Es war ein sehr großer Fehler der damaligen bosnischen Führung zu glauben, dass es wegen der UN-Truppen zu keinem großen Krieg kommen würde. Hintergrund war schlicht die Unkenntnis der Tatsache, dass Blauhelme nicht den Frieden bewahren können, sondern allenfalls Kriegsparteien trennen.“

Und so gesellt sich zu den Kriegsschuldigen noch ein vierter: Eine internationale Gemeinschaft, die sich stark fühlte und ein Vertrauen ausstrahlte, das sie gar nicht verdiente.

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