Ein reiches, vielschichtiges Buch, das viele mehrmals werden lesen wollen

Ein gelungener historischer Roman schenkt seinen Leserinnen und Lesern Einblicke in eine fremde, ferne Zeit, wird zugleich aber immer auch von brennenden Fragen der Gegenwart befeuert sein, die den Lesenden den Eindruck vermitteln: mea res agitur. Mit „Lieder wilder Vögel“ führt der bosnische Autor und Islamwissenschaftler Enes Karić anhand der Geschichte eines muslimischen Gelehrten tief hinein in die geistigen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im Sarajevo des späten 16. Jahrhunderts. Und zugleich spürt man, dass jede Zeile vom Nachdenken über das Bosnien der Gegenwart nach den Kriegen der 1990er-Jahre durchdrungen ist. Von Norbert Reck (Stimme der Zeit)

Die historische Erzählung wird überragt von der Seeschlacht von Lepanto im Jahre 1571. Das Osmanische Reich erlitt im Kampf gegen die christlichen Mittelmeermächte eine verheerende Niederlage mit mehreren zehntausend Toten; der Mythos von den unbesiegbaren Osmanen wurde für immer erschüttert, und vieles stürzte in tiefste Fragichkeit: Wer hatte Schuld an der Niederlage? Welche Rolle spielte dabei der Zustand des Islams? Was sollte man davon halten, dass die Soldaten der einen Seite „Allah ist groß!“ und die der anderen Seite „Jesus! Jesus!“ riefen, als sie in den Tod rannten?

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Berlin, 18. Dezember 2016 od 11 Uhr im „Buchhändlerkeller“

Zu Beginn der Romanhandlung liegt die Schlacht schon mehr als ein Jahrzehnt zurück, doch wühlt sie die muslimischen Gesellschaften zutiefst auf. Der junge Wissenschaftler Skender Humo, der in Sarajevo eine Stelle an einer Medresse, einer islamischen Hochschule, antritt, sieht sich mit einer Vielzahl von Gruppierungen und theologischen Strömungen konfrontiert, die je auf ihre Weise Konsequenzen aus Lepanto ziehen wollen. So treten die einen – wie Humos Zarigrader Lehrer – dafür ein, sich ungescheut den christlichen Völkern und ihren Denkern zu nähern („Suche von ihnen diejenigen auf, die danach suchen, was hinter den Dingen liegt und deren Blicke weiter vordringen. […] Finde dir Freunde unter ihnen. Von jenen, deren Herzen vom Geheimnis des Seins be- rührt wurden, geht keine Gefahr für uns aus!“).

Andere kämpfen indessen mit aller Kraft darum, sich von Lepanto nicht verunsichern zu lassen und stattdessen zu den islamischen Ursprüngen zurückzukehren: „Lepanto war eine Versuchung für all die Neuerungen im Glauben! Die Gelehrten und die Medressen sind deren Brutstätten! Wir wollen den reinen Glauben! Ohne Beimischung!“

So kommen immer mehr vergiftete Auseinandersetzungen auf. Wahrheit wird nur in der eigenen Gruppe gefunden, alle anderen werden unter Verdacht gestellt. Ihnen kann Humos Philosophen-Freund Hasan nur entgegenhalten: „Mir gefällt der reine Glaube, aber nicht der bereinigte! Reine Zustände sind bereinigte Zustände, meine Kinder, und oft sind sie die Folge von Gewalt!“ Viele kann er nicht überzeugen. Schließlich brennen Versammlungshäuser von Sufi-Bruderschaften, und bewaffnete Gruppen reiten marodierend durch die Stadt, wobei es niemals nur um ideologische Positionen geht, sondern immer auch um handfeste finanzielle Interessen.

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Humo, der Ich-Erzähler der Geschichte, verhält sich als Gelehrter über weite Strecken ratlos gegenüber der eskalierenden Gewalt und wird von einem Fremden darum sogleich als religiöser Lehrer erkannt: „Mir kam nur dieser Gedanke, als ich dich gesehen habe: ‚Er grübelt aus der Ferne, wundert sich von weitem!‘ So ist unsere Wissenschaft heutzutage in den Medressen und Tekken – das Unheil steht vor unserer Haustür, aber die Wissenschaft ist distanziert, weit hergeholt, von oben herab! Überall ist sie, nur nicht dort, wo sie sein sollte!“

Es ist ein Gedankenroman, voller Fragen nach der Gerechtigkeit Gottes, nach Verständigung zwischen Muslimen und Christen, nach Versöhnung angesichts einer blutigen Vergangenheit – und immer mehr nach dem rechten Handeln anstelle des Hochhaltens rechter Lehren.

Während Bosnier sich hier intensiv angeregt fühlen dürften, über Auswege aus ihrer gegenwärtigen Situation nachzudenken, werden sich christliche Leser an eigene, inner-christliche Auseinandersetzungen erinnert fühlen, vor allem aber werden sie staunen über die ernsthaften und tiefsinnigen muslimischen Reflexionen zu den aufgeworfenen Fragen, die ihnen Enes Karić, einer der Vordenker eines modernen bosnischen Islams, hier vorlegt. Er hat ein reiches, vielschichtiges Buch geschaffen, das viele mehrmals werden lesen wollen, um es in seiner ganzen Tiefe auszuloten.

Veröffentlicht in: Stimmen der Zeit, Heft 7, Juli 2016
www.stimmen-der-zeit.de