Enes Karićs ‚Der Jüdische Friedhof‘ – dazugehören und fremd bleiben

Enes Karić gehört zu den führenden Islamkennern in Bosnien-Herzegowina, weltweit hat er sich einen Namen als Theologe und Verfechter des interreligiösen Dialogs gemacht. Nun hat er seinen ersten Roman vorgelegt: „Der jüdische Friedhof“ erzählt von muslimischen Lebenswelten und davon, wie fremd man bleiben kann, auch wenn man angeblich dazugehört. Von Martin Sander (Deutschlandfunk)

„Ich habe erkannt, dass meine theologischen Erörterungen nicht in seiner Ganzheit erklären können, was heute in der muslimischen Welt vor sich geht. Deshalb schreibe ich Belletristik. Ich glaube, das ergibt eine umfassendere Sicht auf die Dinge. Das gilt auch für meinen Roman „Der jüdische Friedhof““, sagt Enes Karić.

Buchpromotion
Wien, 12. November 2016, 13 Uhr im Rahmen der „Donau Lounge
Berlin, 18. Dezember 2016 od 11 Uhr im „Buchhändlerkeller

In seinem Roman erzählt Enes Karić vom islamischen Leben in Bosnien. Er erzählt vom Alltag muslimischer Kriegsflüchtlinge in Bosnien und andernorts. Auf den meisten der 560 Seiten widmet er sich der Belagerung Sarajevos durch die Armeen der bosnischen Serben von 1992 bis 1995. Sadik, der zu Kriegsbeginn erst 13 Jahre alte Ich-Erzähler, hat zusammen mit seiner älteren Schwester in der umzingelten Hauptstadt Bosniens Unterschlupf in einer Kellerwohnung gefunden.

Sadik handelt mit Hilfsgütern, er hält sich – wie viele andere – auch mit Betteln und Gelegenheitsdiebstählen über Wasser – stets bedroht vom Granatenbeschuss aus den umliegenden Bergen. Unentwegt erschließt er neue Quellen des Überlebens und sammelt Nachrichten über den möglichen weiteren Verlauf des Kriegs.

Der Erzähler verbreitet keinen Pathos

„Keuchend, schwitzend, hungrig und mit bis zum Halse schlagendem Herzen suchte ich Schutz hinter einem wackeligen Abflussrohr, wo ich verängstigt dem eigenen Atem und dem Pfeifen der über Moschee und Minarett hinwegstiebenden Geschosse lauschte. (…) Zu meinem Bedauern unterbrach mich in meinen Gedanken eine klare männliche Stimme, die hinter der Mauer zu vernehmen war:

„Professor Atif, ich schwöre es bei Allah, jeden dritten Tag höre ich Nachrichten im Radio, das ich an den Fahrraddynamo anschließe, während mein Sohn Harun in die Pedale tritt. Ich höre das Programm und erkenne: Zweierlei steht fest. Erstens sind wir ein Problem, das die Amerikaner sofort erkannt haben, und das ist gut so. Schlecht ist aber, dass es außer uns noch sechzehn weitere große Probleme in der Welt gibt. (…) Wir sind auf Rang siebzehn“.“

Audio-Beitrag in der DLF-Sendung Büchermarkt

Auf seinen Wanderungen durch die belagerte Stadt erweist sich der heranwachsende Sadik als genauer Zuhörer. Pathos verbreitet dieser Erzähler nicht. Vielmehr wahrt er überwiegend Distanz, wird ironisch, wenn er beschreibt, was ihn umgibt: die Regeln des Schwarzmarkts, die Fragwürdigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen, die allseits lauernde Lebensgefahr.

Hauptfigur wird von „Erleuchtungsanfällen“ heimgesucht

Mit einem besonderen Sinn für das Groteske schildert der jugendliche Sadik, wie sich die erwachsenen Politiker und Angehörigen der intellektuellen Elite darum bemühen, die muslimischen Bosnier mitten im Krieg in Bosniaken umzubenennen, um sie als Nation aufzuwerten.

Unter körperlicher und seelischer Extrembelastung verfällt Sadik allerdings in einen besonderen Zustand der Verzückung. Dann wird er – wie es heißt – von „Erleuchtungsanfällen“ heimgesucht. Im Wahn schlüpft er in die Rolle eines Predigers, ausgelöst durch Schockerlebnisse wie den Tod von Soldaten direkt neben ihm.

„Während ich in hilflosem Entsetzen neben den zwei gefallenen Kämpfern lag, erstrahlte ein mächtiges, blau schimmerndes Licht. Und wie es in den Mewlids geschrieben steht, trug mich dieses Licht wie ein weißer Vogel empor, all meine Kraft kehrte in mich zurück, und gnadenvoll trug mich der wollige, hell leuchtende Nebel zunächst auf die Minarettspitze, dann auf den Balkon meiner geliebten Magribija-Moschee.

Aus mir sprudelten die machtvollen Worte aus Mujkis Predigten: „Sind wir Muslime und die anderen, Orthodoxe und Katholiken, hier in Bosnien – sind wir denn nicht die drei eigentümlichsten Häufchen Elend, einzigartig in der ganzen Welt? Jeder verstummt, wenn der Stärkere zuschlägt, und wenn dieser abzieht, fühlen sich die anderen wieder stark, und so wiederholt sich das ewig alte Lied: Bosnien ist der Ursprung dreier Flüsse, die schon an ihrer gemeinsamen Quelle in Zwist und Hader liegen…“

In einem großen, kalten Raum wachte ich wieder auf, in einer Art Schlafanzug, es roch nach Alkohol, ich reckte mich und erkannte sofort, dass ich Glück, großes Glück gehabt hatte.“

Ein zentraler Schauplatz erklärt den Titel des Buchs

In den „Erleuchtungsanfällen“ spiegelt sich auf eigene Art die muslimisch-religiöse Tradition Bosniens. Der gläubige aufgewachsene Sadik erlebt dabei ein Glück, das anderen nicht zuteilwird. Zwei ältere Brüder des Erzählers fallen im Dienst der bosnischen Armee. Von den Eltern fehlt jede Spur, seit Sadik und seine Schwester zu Beginn des Krieges im kleinen ostbosnischen Vragovoli von serbischen Soldaten gekidnappt wurden. Damals hat man sie als Austauschgefangene den Einheiten der bosnischen Armee in Sarajevo übergeben.

Als Niemandsland zwischen den Fronten diente der jüdische Friedhof, was den Titel des Buchs erklärt. Sadik mit seiner dörflichen Herkunft bleibt ein Fremder unter seinen Leidensgenossen in der Großstadt. Er wird wie ein Flüchtling behandelt. Wohl auch deshalb schaut er so genau und kritisch auf alle Kriegsparteien.

Lese auch Enes Karićs ersten Roman: Lieder Wilder Vögel.

Ein reiches, vielschichtiges Buch, das viele mehrmals werden lesen wollen

Karićs Roman mit zahlreichen Wiederholungen, Variationen und manchmal ausufernden Schilderungen liest sich wie ein quälendes Tagebuch, das man nicht aus der Hand legen will. Als Sadiks Schwester bei der Geburt von Zwillingen in einem Sarajevoer Krankenhaus an Entkräftung stirbt, erreicht Sadik das, was er sich eigentlich gewünscht hatte: Er wird aus Sarajevo evakuiert und kommt mit seinen Nichten nach Amsterdam, wo er versucht, eine neue Heimat zu finden.

Auch die Abgründe der offenen Gesellschaft werden deutlich

„Ich habe absichtlich die Niederlande ausgewählt. Denn ich bin der Meinung, die Niederlande hätten eine bessere Rolle in Srebrenica spielen und den serbischen Massenmord an den Muslimen dort verhindern können. Ihre Armee war ja anwesend, sie hätte etwas tun können, hat sie aber nicht.

Und nun kommt Sadik, mein Romanheld, mit seinen zwei kleinen Nichten als Flüchtling in die Niederlande. Die Flüchtlinge kommen als Bumerang in die Niederlande“, erklärt Autor Karić.

Mit Unterstützung eines ehemaligen niederländischen UNO-Offiziers baut sich Sadik in Amsterdam ein neues Leben auf, 15 Jahre, die Karić knapp, aber pointiert als Rahmenhandlung einsetzt. Auch hier werden Abgründe offenbar, die Abgründe der offenen Gesellschaft mit ihrem Integrationsanspruch und der Lebenswirklichkeit muslimischer Einwanderer: Die Liberalität ist gespielt. Das interkulturelle Misstrauen stets präsent, die wirtschaftlichen bleiben dominant, auch wenn auf den ersten Eindruck alles schön und einladend klingt.

Roman verknüpft Kriegserfahrung mit Flüchtlingsschicksal

„Und glaube mir, während der vierzehn Jahre, die ich nun schon in Holland lebe, habe ich eines ganz klar erkannt: Die holländischen Unternehmen sind Muslimen gegenüber nicht nur entgegenkommend, manche sind auch wirklich flexibel, so wie das Warenlager von Siemens in Amsterdam! Freitags sage ich dem Chef einfach: ‚Heute ist Freitagsgebet!‘ Dann macht er eine wegwerfende Kopfbewegung, unterschreibt einen grünen Zettel und lässt mich ziehen: ‚Sadik, geh in die marokkanische Moschee und bete für den Markterfolg von Siemens.‘ – ‚Natürlich, mach ich‘, antworte ich gerührt. …“

In seinem Roman „Der jüdische Friedhof“ ist es Enes Karić gelungen, die tragische Erfahrung von Krieg und Belagerung der 1990er Jahre mit dem Schicksal muslimischer Flüchtlinge in unseren Breiten zu verknüpfen. Der Islam gehört zu Europa, sagt Karić und erzählt manchmal sehr humorvoll davon, wie fremd man bleiben kann, wenn man angeblich dazugehört.

Enes Karić: „Der jüdische Friedhof“
Hans Schiler Verlag, Berlin 2016, 19,90 Euro.