In Sarajevo wurden Europas Werte verteidigt

Mit der Ermordung zweier Friedensdemonstranten vor 25 Jahren in Sarajevo wollten serbische Nationalisten die multikulturelle Identität der Stadt und ganz Bosniens zerstören. Sie hatten Erfolg, meint Erich Rathfelder (DW).

Vor 25 Jahren, am 5. April 1992, wurden bei einer Friedensdemonstration in Sarajevo zwei Menschen ermordet. Obwohl es auch schon vorher in Bosnien und Herzegowina zu einigen bewaffneten Überfällen, Morden und Vertreibungen gekommen war, markiert der Angriff der bosnisch-serbischen Heckenschützen in Sarajevo den Point of no Return des Bosnienkrieges: damit begann die jahrelange Belagerung der Hauptstadt und ein Krieg, in der allein in der Stadt mehr als 11.500 Menschen ums Leben kamen. Darunter 1.600 Kinder. In ganz Bosnien und Herzegowina kamen bis zum Daytoner Friedensabkommen Ende 1995 rund 100.000 Menschen zu Tode, hunderttausende wurden durch „ethnische Säuberungen“ aus ihrer Heimat vertrieben und weite Teile des Landes zerstört.

Eigentlich will diesen Tag, den 25. Jahrestag des Beginns des Bosnienkrieges, niemand richtig begehen. Es ist ja für alle nur eine Erinnerung an den Schrecken geblieben. Die überlebenden Opfer des Bosnienkrieges denken an ihre getöteten oder ermordeten Familienmitglieder, Nachbarn und Freunde. Es bleibt die Trauer. Diejenigen, die Schuld auf sich geladen haben, wollen nicht an diese Zeit erinnert werden. Und wenn doch davon die Rede ist, dann wird geleugnet. Oder gerechtfertigt. Oft mit Verschwörungstheorien. Schuld haben immer die Anderen oder abstrakte übergeordnete Mächte.

Wer heute durch Sarajevo geht und das Gebäude der internationalen Verwaltung OHR besuchen will, muss eine Brücke überqueren. Sie heißt „Most Suade i Olge“, weil dort am 5. April 1992 die beiden Frauen Suada Dilberović und Olga Sučić von serbischen Scharfschützen aus dem besetzten Hotel Holiday Inn erschossen worden sind. Beide Frauen nahmen wie weit mehr als 100.000 andere Menschen an der Demonstration für den Frieden teil. Die 34-jährige Olga war bei der Verwaltung der Stadt Sarajevo angestellt, die 23-jährige Suada war Studentin aus der kroatischen Hafenstadt Dubrovnik. Olga war Katholikin, Suada Muslimin.
Gegen den nationalistischen Extremismus

Dass beide unterschiedlichen Religionen angehörten, spielte für die Demonstranten damals keine Rolle. Auch nicht, dass der aus der Nachbarschaft stammende Igor sich dem spontan zusammengestellten Trupp anschloss, der die Schützen im Hotel aufspürte und erschoss. Igor war ein Serbe. Er verteidigte später zusammen mit Bosniaken und Kroaten aus Sarajevo als Antisniper-Sniper die belagerte Stadt gegen die Truppen unter Befehl des serbischen nationalistischen Extremisten Ratko Mladic. Weil er einige Sniper der Gegenseite traf, musste er nach dem Krieg den Namen wechseln und irgendwo untertauchen. Wie Hunderte andere Serben aus Sarajevo auch, die heute für die meisten Serben aus Serbien und der serbischen Teilrepublik in Bosnien als Vaterlandsverräter gelten. Der aus Belgrad stammende Vizekommandeur der Verteidiger, der Bosnischen Armee, General Jovan Divjak, ist bis heute in der Stadt Sarajevo geblieben, und gilt dort als ein Volksheld. Gleichzeitig muss er sich aber vor der Rache serbischer Nationalisten in Acht nehmen.

Die Verteidiger kämpften nicht nur für ihre Stadt, sondern auch gegen den nationalistischen Extremismus der anderen Seite. Sie verteidigten das multinationale, multireligiöse und tolerante Prinzip gegen das nationalistische Prinzip. Sie verteidigten, wie Jovan Divjak dies einmal sagte, die „Werte Europas gegen die Barbarei“. Die Angreifer dagegen wollten genau diese Gesellschaft zerstören, wollten so viel Territorium wie möglich für sich erobern und die anderen Bevölkerungsgruppen vertreiben. Die Politik und Verbrechen der „ethnischen Säuberungen“ waren von vornherein geplant. Und zwar nicht nur von Seiten des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic. Auch von Seiten des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman.
Nationalisten haben gewonnen

Die beiden Präsidenten haben sich nach den inzwischen gemachten Aussagen vieler serbischer und kroatischer Politiker und Militärs insgeheim schon vor dem Krieg in Kroatien, im März 1991 getroffen, um die künftige Aufteilung Bosnien und Herzegowinas unter die beiden Nachbarstaaten zu besprechen. Sie waren zwar Gegner, doch sie waren sich einig im nationalistischen Prinzip. Der bosnische Krieg symbolisiert also nicht den Kampf der bosnischen Bevölkerungsgruppen der Serben, Kroaten und Muslime gegeneinander, sondern den Kampf des von außen hereingetragenen nationalistischen Prinzips gegen die multinationale Gesellschaft.

Gewonnen haben die Nationalisten aller Seiten. Am Ende des Krieges war auch auf der Seite der Verteidiger die religiös gefärbte muslimisch-bosniakische Richtung tonangebend. Die bosnische Tradition der multinationalen und multireligiösen Gesellschaft lebt zwar noch in der Erinnerung, in manchen Sitten, in der intellektuellen Zivilgesellschaft und im Kultur- und Musikleben. Doch politisch ist sie zur Seite gedrängt.

Weil die internationale Gemeinschaft bei den Friedensverhandlungen in Dayton 1995 die nationalistischen Kategorien akzeptierte und zustimmte, das Land nach nationalistischen Kriterien territorial aufzuteilen, wurde eine großartige Kultur negiert. Europa hat also seine eigenen Werte in Bosnien leider nicht verteidigt. Hat der Aufstieg des Nationalismus im Europa der EU auch mit dem Ausgang des Bosnienkriegs zu tun? Der extremistische Nationalismus jedenfalls war damals machbar – und wurde „belohnt“.

Erich Rathfelder ist ein deutscher Journalist und Buchautor. Er schreibt u.a. für die Tageszeitung (TAZ) und ist Autor mehrerer Bücher über die Geschichte des Balkans, Bosniens und des Kosovo. Er lebt als freier Journalist in Sarajevo und in Split.

Quelle: Deutsche Welle