Adis Halilovic, Continental AG – „Es gibt nichts, was man nicht lernen kann“

Der Head of Mechatronic Software Components bei der Continental AG spricht im Interview mit dem pangea | magazin über seine Anfänge und was ihn sein bisheriger beruflicher Werdegang gelehrt hat.

Fangen wir erstmal mit Dir und deiner Person an, erzähl uns etwas über dich und deinen
Hintergrund. Wo kommst du her, wo bist du geboren, was hast du studiert?

„Man muss sich neuen Herausforderungen stellen und an diesen wachsen. Die Bereitschaft, ins kalte Wasser zu springen, muss vorhanden sein“

Ich bin in Deutschland geboren und bin 36 Jahre alt. Ich lebe momentan in Bad Soden am Taunus bei
Frankfurt am Main; meine gesamte Studienzeit habe ich in Dortmund verbracht. Meine Eltern leben
immer noch in Dortmund.
Die erste Klasse habe ich in Bosnien besucht, da zu der Zeit meine Eltern keine deutschen Papiere
hatten und es nicht klar war, ob wir in Deutschland bleiben können oder nicht. So schickten sie mich
nach Bosnien ohne zu wissen, wie unsere Zukunft aussehen wird und mit dem Gedanken, die Familie
zusammenzuhalten, falls wir Deutschland doch verlassen müssten. Mein älterer Bruder besuchte die
bosnische Grundschule von der ersten bis zur sechsten Klasse.
Am Ende bekamen meine Eltern deutsche Papiere und so konnte ich dann ab der zweiten Klasse
wieder in Deutschland in die Grundschule und zurück in mein gewohntes Umfeld. Deutsch konnte ich ja
bereits, da ich die ersten sieben Jahre in Deutschland verbracht hatte.
Wie hast Du die deutsche Sprache erlernt, durch die Nachbarskinder oder…?
Ja genau. Fernsehen, Nachbarn, mit anderen Kindern auf dem Spielplatz. Den Kindergarten habe ich
leider nicht besucht, aber mit dem Deutsch hat es trotzdem ganz gut geklappt.
Als ich dann in die zweite Klasse kam, hieß es nach einem halben Jahr, ich sei zu gut für die zweite
Klasse und könnte in die dritte Klasse. Somit konnte ich in einem Jahr zwei Klassen absolvieren.
Hauptsächlich lag es daran, dass das Niveau und der Schulstoff in Bosnien und die Themen, zumindest
in der Grundschule, den Schülern mehr abverlangten. Im weiteren Verlauf habe ich das Gymnasium
besucht und 2001 mein Abitur gemacht und mich dann entschlossen zu studieren.
Für mich war es schon als kleines Kind sehr früh klar, dass ich Ingenieur werden möchte. Ich habe
heute noch mein Freundschaftsbuch und da hatte mein älterer Cousin in der dritten Klasse
reingeschrieben, was er sich für mich wünscht – dass mein Wunsch in Erfüllung geht und ich Ingenieur
werde. Ich habe mich dann für den Studiengang „Fahrzeug- und Verkehrstechnik“ an der
Fachhochschule Dortmund entschieden. Es war ein neuer Studiengang, der knapp ein Jahr vor meinem
Studienbeginn eingeführt wurde.
Alle kleinen Jungs lieben Autos?
Für mich war alles sofort klar. Ich studiere genau das, weil es hier um Autos geht – das mache ich!
Nach vier Jahren Regelstudienzeit konnte ich dann mein Studium erfolgreich abschließen. Da ich noch
meinen bosnischen Pass hatte, musste ich nicht zur Bundeswehr oder zum Zivildienst und konnte sofort
nach dem Abitur anfangen zu studieren.
Wie bist Du zu Continental gekommen?
Während meines Studiums war ein Praxissemester in einem Unternehmen Pflicht. Also fing ich an mich
umzuschauen, wo ich ein Praktikum machen könnte und was das Richtige für mich wäre. Im Aushang
fand ich eine Stellenanzeige von Daimler in Sindelfingen. Ich habe mich beworben und bekam die
Stelle. Zu diesem Zeitpunkt wohnte ich noch bei meinen Eltern und der erste Umzug stand an. Somit
bin ich nach meinem 3. Semester ausgezogen, um eine neue Herausforderung wahrzunehmen. Bei
Daimler konnte ich im Bereich „Passive Sicherheit“ unterstützen und viel lernen. Genauer ging es dabei
um verschiedene Crash-Versuche. Im Studium habe ich bereits als Studentische Hilfskraft am Lehrstuhl
für Logistik gearbeitet. Hier konnte ich auch verschiedene Tests durchführen und ich dachte mir: „Genau das möchte ich machen“!
Zum Ende meines Studiums, wie auch bei vielen anderen, ging es um die Frage „Wo schreibe ich
meine Diplomarbeit?“ Ich schaute mich wieder bei Daimler um und in meinem Bereich gab es leider
keinen Bedarf, also suchte ich in anderen Bereichen. Ich schrieb meine Diplomarbeit im Bereich
„Elektronische Bremsregelsysteme“, was nichts mit Testen zu tun hatte. Ich stellte mich also wieder
einer neuen Herausforderung.
Als ich nach meinem Studium einen Job suchte, war es naheliegend meine Karriere bei Daimler zu
beginnen, was jedoch nicht klappte, da es hier leider keine offene Stelle gab. Mein damaliger Chef bei
Daimler stand in engem Kontakt mit Continental und merkte, dass Continental etwas Ähnliches
aufbauen wollte, was ich während meiner Diplomarbeit bereits gemacht hatte. Er stellte den Kontakt zu
Continental her und ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Direkt nach meinem Studium
konnte ich dann bei Continental im Software-Bereich anfangen. Mit Software hatte ich vorher bis auf die
im Studium vermittelten Inhalte über Software-Engineering keine Berührungen und auch keine
weitergehende Erfahrung.
Wie ist es dann weitergelaufen?
Ich habe im Gespräch offen kommuniziert, dass ich mich in diesem Bereich nicht spezialisiert habe,
doch bei Continental haben sie Querdenker gesucht, die das übliche Denkmuster nicht haben. Ich sollte
die Schnittstelle zwischen Software und Systembereich bilden. Mittlerweile bin ich seit 12 Jahren in der
Software tätig und habe es nicht bereut, etwas Neues zu machen. Nach 2 Jahren durfte ich dann ein fachliches Team aus unterschiedlichen Bereichen führen, was sehr
spannend war.
Hast Du das Prinzip „Neue Herausforderungen“ in deiner Karriere beibehalten?
Wenn ich die unterschiedlichen Stationen betrachte, die ich bisher im Unternehmen durchlaufen habe,
dann kann ich die Frage guten Gewissens mit „ja“ beantworten. Immer wieder wurden Ideen oder
Aufgaben an mich herangetragen. Ob ich nicht Lust hätte, dieses oder jenes Thema zu machen. Und
meine Antwort war immer „Ja, ich mach ́ das“. Ich musste mich schnell in neue Themenfelder
einarbeiten und Menschen davon überzeugen, dass ich der Richtige für das Thema bin. Mit den Jahren
entwickelt man sich zum Experten in gewissen Themen und das schafft einem Freiraum, um wieder
Neues zu lernen.
Meine Rolle als Experte änderte sich dann mit der Zeit zur „Führungskraft“. Ich musste mich auch hier
wieder in der neuen Rolle einfinden und lernen.
Hat dich Continental bei deiner Entwicklung unterstützt?
In dieser Zeit hat mir Continental einen Mentor an die Seite gestellt, der mich über ein Jahr unterstützt
hat. Mit dem Mentor konnte ich mich regelmäßig austauschen. Beim Mentoring liegt der Ball beim
Mentee. Das heißt, du musst steuern und nicht erwarten, dass dich der Mentor analysiert und deine
Weiterentwicklung vorantreibt. Ergänzend dazu habe ich Weiterbildungsmaßnahmen für Führungskräfte besuchen dürfen.
Was kannst Du Young-Professionals empfehlen? Was ist der Schlüssel zum Erfolg, wenn Du deine Karriere bei Continental betrachtest?
Für mich sind es vier Punkte, die sehr wichtig sind:
1) Immer wieder etwas Neues. Dieser Erfahrungs-Boost, den du dann bekommst, ist enorm. Wenn du
dich irgendwo hineinstürzt, wo du keine Erfahrung hast, wo du dich wirklich schnell reinarbeiten und
dich adaptieren musst, dann lernst du sehr viel und sehr schnell. Ich kann nur empfehlen, solche
Schritte zu machen, sich mal umorientieren, eine neue Herausforderung annehmen…
Du meinst, aus der Komfortzone herausgehen?
Genau.
2) Alleine die Bereitschaft, etwas Neues zu machen, reicht aber nicht. Man muss sehr hart arbeiten und
mit sehr hart meine ich von morgens bis abends.
3) Die Einstellung zu deiner Arbeit und der Wille Bestehendes zu ändern. Ich stelle grundsätzlich
Sachen in Frage und prüfe, ob es anders gelöst werden kann, bevor ich zu einer Änderung „Nein“ sage.
4) Jeder Einzelne muss sich die Frage beantworten können: „Was will ich? Will ich Führungskraft werden? Um diese zu beantworten, muss man Verschiedenes ausprobieren und herausfinden, was zu einem passt. Nicht jeder kann oder will eine Führungsposition übernehmen und man muss sich darüber im Klaren sein, dass das Schicksal selbst gesteuert wird und damit aktiv sein muss, um etwas zu erreichen. Hoffnung alleine bringt keinen zu der gewünschten Position. Stattdessen liegt es in der eigenen Verantwortung, sich für mehr zu empfehlen.

Das pangea | magazin ist ein Produkt des Netzwerks bosnischer Studenten und Akademiker in Deutschland e.V. – www.nbsad.de