Juden und Muslime in Sarajevo

Auch in Bosnien ist eine wachsende Radikalisierung unter jungen Muslimen zu beobachten. Doch in der überwiegend muslimischen Hauptstadt Sarajevo leben Juden und Muslime friedlich zusammen. Und das hat eine lange Tradition.

Von Igal Avidan

Als Eli Tauber, ein jüdischer Historiker aus Sarajevo, 1992 mit seiner Frau nach Israel auswanderte, berichtete eine israelische Zeitung über das exotische jüdisch-muslimische Paar. Erst dann wurde Tauber klar, dass seine Mischehe nur in Bosnien ganz normal ist.

„Der Übertritt meiner Frau zum Judentum war für mich keinerlei Bedingung für unsere Eheschließung. Sie konvertierte dennoch später bei meinem Onkel, Rabbiner Danon, und fühlt sich inzwischen absolut jüdisch. Sie kocht zum Beispiel sehr leckere sephardische Speisen und bereitet seit Jahren die Speisen für die jährliche ‚Nacht der sephardischen Küche‘ in Sarajevo zu. Auch die Tochter unseres Gemeindevorsitzenden ist mit einem Moslem verheiratet. Das Paar lebt in Israel. Meine beiden Söhne leben in Israel, meine Tochter lebt in Bosnien und hat einen Juden geheiratet, was in unserer Gemeinde nur selten vorkommt.“

Inzwischen sind die Taubers zurückgekehrt nach Sarajevo, ebenso wie hunderte bosnischer Juden und trotz der wirtschaftlichen und politischen Krise. Die Folge war ein beispielloser Babyboom in der 700 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde. Jakob Finci, Präsident der jüdischen Gemeinde in Bosnien und Herzegovina:

„Im letzten Jahr hatten wir zum ersten Mal seit Jahrzehnten einen Babyboom – zehn Neugeborene in einem Jahr! In den zehn Jahren zuvor wurden bei uns lediglich drei Babys geboren und 40 Mitglieder starben. Nun kehrten Kinder nach Sarajevo zurück, die während des Bosnienkriegs evakuiert wurden, weil hier das Studium wie im Sozialismus kostenlos ist.“

Wir fühlen uns ziemlich sicher hier

Diese jüdische Gemeinde wächst trotz einer spürbaren Radikalisierung unter den eineinhalb Millionen Muslimen in Bosnien. In der Hauptstadt Sarajevo entstanden in den letzten Jahren mit Geldern aus Saudi-Arabien große Moscheen, die einen wahabitischen und damit streng-konservativen Islam verbreiten. Im November wurde ein salafistischer Prediger wegen Anwerbung von Kämpfern für den „Islamischen Staat“ zu sieben Jahren Haft verurteilt. Allein in diesem Jahr reisten rund 200 Bosnier nach Syrien und in den Irak. Manche der 40 Rückkehrer stehen vor Gericht. Der muslimische Jurist Hikmet Karcic vom Institut für die Islamische Tradition der Bosniaken in Sarajevo:

„Während des Bosnienkriegs kamen die ersten arabischen Freiwilligen, um zu kämpfen. Sie und muslimische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen brachten ihre radikalen Ansichten mit. Die meisten von ihnen zogen unter dem Druck der Sicherheitsbehörden nach dem 11. September ab und zwölf von ihnen wurden in Guantanamo inhaftiert. Einige kehrten jedoch zurück nach Bosnien.“

Mehrere hundert muslimische Kämpfer durften bleiben, weil sie einheimische muslimische Frauen geheiratet hatten. Sie wurden als Gegenleistung für ihren Kampfeinsatz auch eingebürgert. Hikmet Karcic hält dennoch die islamistische Gefahr für die Juden für gering.

„Die kleine jüdische Gemeinde pflegt gute Beziehungen mit allen ethnischen Gruppen, weil sie im Krieg von niemand angefeindet wurde und während der Belagerung von Sarajevo allen Bürgern half.“

Im November erschoss ein Anhänger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zwei Soldaten; Zwölf Männer wurden wegen der Teilnahme an Kampfhandlungen des IS in Syrien und im Irak angeklagt. Im April überfiel ein Islamist eine Polizeiwache und tötete einen Beamten und dann sich selbst. In fünf entlegenen Dörfern wehen die schwarzen Flaggen des „Islamischen Staates“. Dennoch werden die jüdischen Institutionen in Sarajevo nicht polizeilich geschützt, anders als in Belgrad oder Zagreb zum Beispiel. Gemeindepräsident Jakob Finci.

„Wir fühlen uns ziemlich sicher, gerade weil kein Sicherheitspersonal unsere Institutionen bewacht. Wir haben nur Videokameras installiert, so dass, falls Gott behüte etwas Schlimmes passiert, wir nachträglich wissen, wer es getan hat. Unsere Offenheit ist unsere Sicherheitsgarantie, denn dadurch zeigen wir, dass wir nichts zu verbergen haben und in unserem Land nichts befürchten. Die Zahl der IS-Rekruten kann Bosniens Ansehen beeinträchtigen. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen den bosnischen und den europäischen Muslimen. Die Muslime hier waren Slaven, die vor 500 Jahren konvertierten und 50 Jahre im Sozialismus lebten, so dass sie nicht religiös sind. Die kleinen salafistischen Gruppen werden von der Polizei streng bewacht und stellen keine Gefahr für dieses Land dar.“

Philosemitismus als Teil der bosnischen Staatsräson

Dass Juden in Bosnien große Anerkennung genießen, das lässt sich auch daran ablesen, wie der Staat ein bestimmtes jüdisch-historisches Erbe pflegt, nämlich die sogenannten „Sarajevo Haggada“. Dieses aus dem Jahr 1350 datierte Büchlein ist die älteste sephardische Schrift des Pessachfestes. Das Werk hat die Spanische Inquisition, den Zweiten Weltkrieg und den Bosnienkrieg überlebt. Heute ist es in einem besonderen Raum im bosnischen Nationalmuseum ausgestellt. Eliezer Papo, der aus Sarajevo stammt, erforscht an der Ben Gurion Universität in Israel die Geschichte der Juden auf dem Balkan.

„Der Haggada-Raum im Bosnischen Nationalmuseum ist auch nachts von der Straße durch die bläulich schimmernden Davidsterne in den Fenstern erkennbar. Und das mitten in einer muslimischen Stadt. Im Zentrum dieses Raums steht die Sarajevo-Haggada und drum herum werden in vier Vitrinen Dokumente über das mittelalterliche bosnische Königreich ausgestellt, Gegenstände des orthodoxen und katholischen Christentums sowie des bosnischen Islams. Jeder bosnische Schüler muss dieses identitätsstiftende Museum besuchen und sieht die Haggada im Zentrum, umgeben von den Werken der anderen drei Staatsreligionen.“

Der Philosemitismus ist Teil der bosnischen Staatsräson – auch, weil die wenigen Juden keine territorialen Ansprüche stellen und keine politische Macht haben.-Jakob Fincis Familie lebt seit 400 Jahren in Sarajevo. Obwohl seine beiden Söhne in den USA leben, ist er optimistisch, dass die jüdische Gemeinde in 50 Jahren ihre 500-jährige Existenz feiern wird. Der 72-jährige frühere Botschafter kann sich ein Bosnien ohne Juden gar nicht vorstellen:

„Bosnien ist eine gemischte Gesellschaft, die nach Brot schmeckt. Die drei ethnischen Gruppen – Muslime, orthodoxe Serben und katholische Kroaten – stehen für die drei Zutaten des Brots: Wasser, Mehl und Hefe. Sobald das Brot gebacken ist, kann man die drei Komponenten, so wie in Bosnien, nicht mehr auseinandernehmen. Und wir wenigen Juden sind die Prise Salz, die Bosnien seinen Geschmack gibt.“

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