Sarajevo weint um Aleppo

Der erbarmungslose Kampf um Aleppo ruft in Sarajevo schmerzhafte Erinnerungen an die eigene Leidenszeit im Bosnien-Krieg wach. Tausende demonstrieren und fordern ein sofortiges Ende der Gewalt in Syrien. Von Andrea Beer (Deutschlandradio Kultur)

Es sind so um die zweitausend Menschen, die sich da versammelt haben mitten in Sarajevo. Sie sind dem Aufruf einiger Bürgerinitiativen gefolgt, und den Rednern hier geht es nicht um politischen Forderungen. Der erbarmungslose Kampf um Aleppo ruft in ihnen schmerzhafte Erinnerungen wach.

Tochter Sanela starb durch eine Granate

Auch bei Saya Haskovic. Ihr kleine Tochter Sanela wurde getötet als eine Granate ins Haus einschlug, während der Belagerung. Sanela starb in den Armen ihrer Mutter, die hilflos dabei zusehen musste.

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Saya Haskovics eindringlicher Appell:

„Ich bete, dass der Krieg in Syrien gestoppt wird, dass das Töten unschuldiger Kinder aufhört. Meine Tochter ist getötet worden. Sie war nicht mal neun und sie war an nichts schuld. Sie wurde zehn Tage vor ihrem neunten Geburtstag getötet.“

Über einen Screen flimmern Bilder vom Syrienkrieg und dem erbitterten Kampf um Aleppo. Rund 2500 Kilometer ist sie entfernt – die ehemals glänzende syrische Wirtschaftsmetropole – doch die Menschen auf dem Platz in Sarajevo fühlen sich ihr ganz nah. Wir wissen doch, wie das ist, meint dieser Mann mitfühlend.

„Während des Krieges waren wir in Sarajevo. Am Ende wird alles immer durch Verhandlungen gelöst. Besser ein schlechter Frieden als ein guter Krieg. Ich wünsche mir, dass dieses Übel in Syrien gestoppt wird. Sie sollen verhandeln, jahrelang, wenn es sein muss. Aber der Krieg muss aufhören.“

Menschen weinen auf dem Platz

Viele Menschen weinen auf dem Platz. Vor allem die Kinder leiden so unendlich, sagt eine Frau:

„Die Kinder sind unschuldig, und für sie ist der Krieg am schwierigsten. Man sollte den Kindern Hilfe schicken, das Nötigste , Essen und etwas zu Trinken. Wir wissen, wie das ist, denn wir waren hier im Krieg. Wir hätten mehr protestieren müssen. Das ist schon ein bisschen spät. Ja, wir hätten wesentlich früher protestieren müssen.“

Von April 1992 bis zum Friedensvertrag von Dayton Ende 1995 war Sarajevo belagert. Ganze 1425 Tage umzingelt, von den Soldaten der bosnisch serbischen Armee sowie der jugoslawischen Volksarmee.

Fast vier Jahre lang saßen diese auf den umliegenden Bergen. Für die Belagerten war jeder Gang auf die Straße lebensgefährlich. Heckenschützen lauerten überall, und die sogenannte Sniper Alley erlangte traurige Berühmtheit. Noch ohne Twitter oder Facebook, doch trotzdem direkt unter den Augen einer geschockten Weltöffentlichkeit.

Sarajevo protestiert gegen die Zerstörung von Aleppo und aller anderen Städte, ruft der Bürgermeister von Sarajevo, Ivo Komsic.

„Wir wissen, wie es ist, wenn Kulturdenkmäler vernichtet werden. Wir wissen, wie das Leben aussieht ohne Essen, ohne Medikamente, ohne Wasser. Wir wissen, wie es ist, unschuldige Tote von der Straße aufzusammeln. Wir wissen, wie es ist, wenn eine Granate in eine große Menschenmenge einschlägt oder auf dem Hof, wo die Kinder spielen. Das alles wissen wir, und nun erinnern wir uns daran. Wegen dieser Erinnerungen, wegen dieses Schmerzens, die wir so lange gespürt haben, protestieren wir gegen den Krieg in Syrien und sind solidarisch mit den Bewohnern von Aleppo.“

Internationales Sondertribunal für Syrien gefordert

Unter anderem wegen der Belagerung von Sarajevo wurde der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic verurteilt, unter anderem wegen der Belagerung von Sarajevo muss sich auch der bosnisch serbische Ex General Ratko Mladic in Den Haag verantworten. Vor dem Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien – vielleicht eine weitere Parallele – denn viele fordern: Auch mutmaßliche Kriegsverbrechen in Syrien gehören vor ein internationales Sondertribunal. Doch noch tobt der Krieg in Syrien und um Aleppo – das weiß auch Saya Haskovic, doch sie bleibt dabei:

„Ich flehe alle Leute guten Willens an, die Kriege in Syrien und im Irak und überall zu stoppen. Nie wieder sollen Mütter weinen und ihre toten Kinder anschauen müssen, ohne dass sie sie retten konnten.“

Dann zerstreuen sie sich wieder – die rund 2000 Menschen in Sarajevo. Die Belagerung ihrer Stadt ist lange vorüber, doch ihre Erinnerungen daran nicht.

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