Südosteuropas – Weltgeschichte einer Region

Die Uhren ticken im Südosten Europas nur nicht so laut: Historikerin Marie-Janine Calic klärt uns über einen hierzulande meistens unbeachteten Teil der Weltgeschichte auf. Von Norbert Mappes-Niediek (FR-Rundschau).

Wäre Rigas Velestinlis in Paris oder auch in Arras geboren, stünde sein Name wahrscheinlich überall in Europa in den Schulbüchern. Da er aber in einem thessalischen Dorf zur Welt kam, hat der Rebell vom Ende des 18. Jahrhunderts es nur auf die griechische Zehn-Cent-Münze geschafft. Dabei qualifiziert den Mann vieles dazu, in ganz Europa in einem Atemzug mit Danton und Robespierre genannt zu werden: Universale Bildung, revolutionäre Kühnheit, tragisches Ende.

Aber wer kennt Rigas Velestinlis? Den griechischen Aufstand, den er gedanklich vorwegnahm und politisch vorbereitete, nahm der glücklichere Westen nur für eine kurze, schwärmerische Phase als den eigenen Kämpfen ebenbürtig wahr. Schon lange gelten die Aufstände der Balkanvölker, obwohl sie zeitlich mit den revolutionären Erschütterungen zwischen 1789 und 1848 zusammenfallen, uns als bessere Stammeskriege, grausam und archaisch und nur notdürftig mit modernem Vokabular aufgeputzt.

Menschen, die die Welt prägten

Figuren wie der interessante Grieche kommen in dem gut lesbaren 700-Seiten-Werk der Münchner Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic gleich zu Dutzenden vor. Die meisten kennt man nicht. Der geniale – und verrückte – Amerikaner Nikola Tesla, ein Serbe aus Kroatien, hat es immerhin zu einer Elektroautomarke gebracht. Der Mathematiker und Astronom Rudjer Boskovic aus Dubrovnik kommt außer in seinem Heimatland allenfalls noch in Italien zu gewissen Ehren – wenn auch zu einem „Ruggero Giuseppe Boscovich“ veredelt. Der Rumäne Dinicu Golescu hätte gewinnbringend mit Carl Friedrich Gauß parlieren können; die beiden waren ein Jahrgang. Ihnen wäre ebenso wenig langweilig geworden wie etwa Leibniz mit dessen Landsmann Dimitrie Cantemir.

„Aufklärung in orthodoxen und muslimischen Südosten sehr wohl stattgefunden.“

Die Männer und (immerhin einige) Frauen, die Calic in ihrem Buch dem Vergessen entreißt, widerlegen die verbreitete Legende, im Südosten Europas gingen die Uhren anders als auf dem Rest des Kontinents. Sie ticken nur nicht so laut. Ausführlich legt die Historikerin dar, dass die Aufklärung, die ja am orthodoxen, wenn nicht gar muslimischen Südosten spurlos vorübergegangen sein soll, hier sehr wohl stattgefunden hat. Vom Nationalismus und vom Sozialismus, den großen Bewegungen des 19. Jahrhunderts, hat die Region sogar einen besonders tiefen Schluck genommen.

Globalisierung und Südosteuropa

Immer wenn man meint, man hätte Südosteuropa oder den Balkan in ihrer hoffnungslosen Rückständigkeit ertappt, kommt eine Gestalt um die Ecke, die einen Lügen straft. Wenigstens extremen Patriarchalismus will man dem Balkan vorwerfen – bis man Milena Mrazovic kennenlernt, die erste Chefredakteurin in der Geschichte des internationalen Pressewesens.

Wenig wahrgenommen wird, dass Südosteuropa nicht trotz, sondern gerade wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Schwäche an der Globalisierung sogar einen besonderen Anteil hat: Jede Nation unterhält schon über ihre Diaspora mit den Zentren der Welt regen Kontakt. Kroatien wurde in den vergangenen Jahrzehnten von einem französischen und einem kanadischen Manager regiert, Bulgarien von einem paneuropäischen Nobelmann. Serbien hatte einen französischen Finanz-, Kroatien einen deutschen Außenminister und Albanien schon in den 1920er Jahren einen amerikanischen Ministerpräsidenten. Im Kosovo können inzwischen alle unter vierzig Englisch, meist besser als in Deutschland.

Zu den Paradoxien der Rückständigkeit gehört auch, dass Südosteuropa zum Experimentierfeld für Völkerrecht und Diplomatie wurde. Hier wurden Konföderationen und Protektorate erprobt, hier wurde die „humanitäre Intervention“ erfunden – nicht erst 1999, sondern schon zu Zeiten des Osmanischen Reiches.

Das Paradigma der Rückständigkeit

Auch wenn es den Blick für das Besondere und das besonders Moderne in der Region vernebelt: Ganz verwerfen kann Calic das Paradigma der Rückständigkeit nicht. Die Region war immer arm, ihre Genies mussten auswandern. Dabei konnte Südosteuropa, so Calic, anfangs auch noch unter der Herrschaft des Sultans mit dem Rest des Kontinents gut mithalten. Einer von sieben Exkursen in historische Städte etwa entführt den Leser ins albanische Kruja des Jahres 1450. Dort finden wir Adelspaläste und ein entwickeltes Handwerk – nicht so reich wie in Italien, aber doch ähnlich wie in Mitteleuropa. Erst um die Mitte des 17. Jahrhunderts zieht der Niedergang des Osmanischen Reiches die Region mit hinab. Sie wird mit den Jahrhunderten immer mehr Peripherie und Zankapfel gleich dreier Reiche: des Osmanischen, des Habsburger und des Zarenreiches.

„Experimentierfeld für Völkerrecht und Diplomatie, nicht erst 1999.“

Mit nationalen Mythen, wie sie rund um die Region so eifrig beforscht werden, hält Calic sich nicht groß auf. Ihr Interesse gehört, wie schon der etwas merkwürdige Untertitel „Weltgeschichte einer Region“ ahnen lässt, den Einflüssen, den Verbindungen und Vernetzungen geistiger, politischer, wirtschaftlicher Natur. In Mitteleuropa wie im Südosten geht es, als der Nationalismus aufkommt, zunächst um einen Referenzrahmen für demokratische Ideen, nicht um Stammesrivalitäten.

Calic weigert sich allerdings auch, die Existenz der Nationen, wie es ein Großteil der Forschung macht, einfach so ins Reich der bösen Fantasie zu verweisen. Der Rezeption ihres Werks in der Region selbst wird das kaum nützen. Noch immer blühen hier die exklusiven Nationalgeschichten; schon der Vergleich mit der Nachbarschaft ist eine Beleidigung. Schaut man sich westliche Wahlergebnisse an, könnte die Region dem Kontinent sogar ein Stück voraus sein.

Marie-Janine Calic: Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region. München, C.H. Beck Verlag 2016. 704 S., 38 Euro.