Teil 1: Interview mit Ivica Grlić, dem Sportdirektor des MSV Duisburg

Im ersten Teil des Interviews spricht Ivica Grlić, der Sportdirektor des MSV Duisburg, über seinen Weg zum Fußball, seine heutige Position als Sportdirektor in Duisburg und die Erfahrungen, die er während der schwierigsten Zeit in der Vereinsgeschichte, dem Lizenzentzug, gemacht hat.

Wie sind Sie zum Fußball gekommen?

Wie fast jeder Jungen habe ich mit dem Fußballspielen begonnen, ohne überhaupt einen Gedanken daran zu verlieren, irgendwann einmal Profi zu werden – es ging viel mehr um den Spaß, die Freunde, mit denen man die Zeit verbringen konnte. Ich habe knapp ein halbes Jahr bei DSC München gespielt, bevor ich zum FC Bayern München gewechselt bin. Der Gedanke an den Beruf „Fußballer“ kam erst mit 17, 18 Jahren.

Wie wurde aus einem Hobby Ihr spätererBeruf – Profi-Fußballer?

Wenn man sich bewusst macht, wie viele Sportler es nicht in den Profibereich schaffen, dann ist es klar, dass man auch ein bisschen Glück braucht. In meiner Generation gab es sehr viele talentierte Spieler, aber am Ende des Tages kommt es auf die Disziplin, den Willen, die richtigen Prioritäten an. In jungen Jahren muss man sich entscheiden, am Wochenende nicht in die Disco zu gehen oder Party zu machen, sondern in der Woche fünf- bis sechsmal zu trainieren, um am Wochenende eine gute Leistung im Spiel bringen zu können. Viele Menschen können sich zudem nicht vorstellen, dass man als Fußballer nicht wegen des Geldes spielt, sondern Fußball spielt, weil man Spaß daran hat. Profi-Fußballer haben das große Glück, ihr Hobby zum Beruf zu machen –  etwas Besseres kann es nicht geben. Bei mir ist vieles in die richtige Richtung gelaufen und ich hatte das Glück, dort reinzurutschen.

Gibt es etwas, wo Sie heute sagen: „Das hätte ich besser anders machen sollen“?

Wer macht keine Fehler in jungen Jahren? Im Fußball muss man sehr schnell erwachsen werden, sobald nämlich Geld ins Spiel kommt, wird es schwierig. Damals gab es kaum Berater, wie es sie heute gibt. Heute sind der Fußball und alles, was zum Fußball gehört, viel professioneller – und es das erleichtert den jungen Spielern einiges. Aber ich bin auch froh, Fehler gemacht zu haben – daraus zu lernen, hat mir sehr geholfen.

Würden Sie sagen, Sie haben alles erreicht, was Sie als Spieler hätten erreichen können?

Ich hätte mehr erreichen können, ganz sicher. Aber zurück schauen ist nie gut. Wichtig ist es, nach vorne zu schauen, um es in der Zukunft besser zu machen. Wenn man die gleichen Fehler nicht zweimal macht, ist alles in Ordnung. Ich bin für jeden Tag im Fußball dankbar – und froh über das, was ich erreicht habe.

In den letzten zwei DFB-Pokalfinal-Spielen, in denen eine Zweitliga-Mannschaft teilgenommen hat, haben Sie Ihre Mannschaft als Kapitän auf das Spielfeld geführt – 2004 mit Aachen und 2011 mit dem MSV Duisburg.

„Die Pokalfinal-Spiele gehören sicherlich zu den Highlights meiner Karriere, neben der Nationalmannschaft und dem Aufstieg mit dem MSV“.

Beim Tennis könnte ich sagen: „Es lag nur an mir“. Fußball ist aber ein Mannschaftssport. Ja, ich war zwar Führungsspieler, hatte damit verbunden auch Verantwortung, aber jeder Spieler, der dabei war, hat seinen Teil dazu beigetragen. Einen herauszuheben fände ich nicht gerecht. Die Pokalfinal-Spiele gehören sicherlich zu den Highlights meiner Karriere, neben der Nationalmannschaft und dem Aufstieg mit dem MSV. Pokalfinal-Spiele sind einfach besondere Momente, solch eine Atmosphäre in Berlin zu erleben. Im ersten Pokalfinale gegen Bremen haben wir sehr knapp verloren, gegen Schalke im zweiten Pokalfinale mit dem MSV waren wir leider deutlich unterlegen. Das war sehr bitter, da wir zu dieser Zeit in Duisburg sehr viele verletzte Spieler hatten. Mit der kompletten Mannschaft hätten wir sicherlich Paroli bieten können, so standen wir leider auf verlorenem Posten. Trotzdem bleibt Stolz: auf unsere Fans, die trotz der klaren Niederlage den Abend auf den Rängen gewonnen haben. Wenn ich mir heute die letzten 20 Minuten des Spiels und das, was unsere Anhänger da hingezaubert haben, nochmals anschaue, bekomme ich immer noch eine Gänsehaut. Selbst die Schalke-Anhänger waren davon begeistert, das zeigt die große Anerkennung für unsere Fans.

Der Übergang in ein Leben nach dem Fußball fällt vielen Profis schwer. Bei Ihnen war dies nicht der Fall. Wie kam es dazu?

Als Fußballer hat man sehr viel Zeit, die körperliche Belastung mit zwei täglichen Trainingseinheiten zwingt einen zur Ruhe. Viele Fußballer machen sich die Gedanken, was nach dem Fußball kommt. Ich wollte damals in meiner Freizeit etwas für das Team-Management machen, speziell diese Art der Betreuung gab es beim MSV damals nicht. Also habe ich dann mit 33 Jahren Fußball und Büro miteinander kombiniert – morgens ins Büro, von dort aus zur ersten Trainingseinheit, wieder zurück ins Büro, abschließend die zweite Trainingseinheit. Das war für die nächsten zweieinhalb Jahre mein Alltag. Es war aber nie mein Ziel, mit 36 Jahren Sportdirektor zu werden. Bevor ich das Amt übernommen habe, habe ich mich gefragt: „Kann ich dem Verein helfen? Bin ich der Aufgabe gewachsen?“ Da ich diese Fragen positiv beantworten konnte, habe ich mich der Situation und der Herausforderung gestellt – ich bin keiner, der vor Problemen wegläuft.

Wie blicken Sie heute auf diese kritische Zeit rund um den Lizenzentzug zurück?

Der Lizenzentzug war eine einmalige Situation in Deutschland, ich konnte mir ja keinen einzigen Ratschlag von Kollegen holen, weil es etwas ganz Neues war. Aber man konnte aus der Situation sehr viel lernen. Was mich besonders beschäftigt hat, war der enorme Druck, den ich verspürt habe. Alle haben nur darauf geschaut, was ich mache.

Ivica Grlić ist seit 2011 Sportdirektor des MSV Duisburgs.

Damals hatte ich zwei konkrete Angebote aus der zweiten Bundesliga, aber ich habe mich bereits nach dem ersten Tag entschieden, beim MSV zu bleiben, obwohl keiner wusste, wie es tatsächlich weitergeht. Das war ein sehr wichtigstes Signal für die Sponsoren, Fans und allgemein die Atmosphäre. Wir haben dann elf Tage vor dem ersten Spiel gegen Heidenheim die Lizenz erhalten, den Spielerkader mussten wir innerhalb von zwei, drei Tagen zusammenstellen, dazwischen noch einen Trainer einstellen. Es war insgesamt eine sehr schwierige Situation, aber auch eine spannende und lehrreiche Zeit voller Adrenalin. In dieser Notlage haben alle Mitarbeiter für das Überleben des Vereins gekämpft, haben 16, 17 Stunden gearbeitet – selbst um halb 3 morgens war das Telefon bei manch einem besetzt. Jeder hat familiäre und anderen Aufgaben nach hinten gestellt, es ging nur um den Verein, was nicht selbstverständlich ist und wofür ich heute sehr dankbar bin. Wenn ich zurückblicke, war es sehr positiv, wie wir das alle angegangen sind. Letztendlich sind Stadt, Sponsoren, Fans und Mitarbeiter immer enger zusammengerückt, das konnte man Tag für Tag spüren. Viele andere hätten das so nicht geschafft.

Worauf kommt es in Ihrer Position als Sportdirektor an?

Das lässt sich nicht einfach auf ein paar Schlagworte herunterbrechen. Je höher die Position, desto höher ist auch die Verantwortung, wie in jedem anderen Beruf. Begriffe wie Menschenführung, das Miteinander, die Philosophie des Unternehmens gehören klar dazu. Der Fußball hat aber eine besondere Position, denn er steht in der Öffentlichkeit, 24 Stunden am Tag. Als Sportdirektor möchte ich vorangehen, Ziele definieren und daran festhalten, und das in einem Team, das man um sich hat, um gemeinsam an das Ziel zu kommen. Wichtig ist, als Vorbild voranzugehen, ob im Fußball oder anderswo. Aber natürlich können auch Führungspersönlichkeiten Fehler passieren. Ich würde nie behaupten würde, keine Fehler zu machen, das gehört zum Menschsein dazu. Die Aufgabe besteht darin, diese Fehler zu reflektieren, zu hinterfragen, jeden Menschen gleich zu behandeln, denn nur als Team können große Ziele erreicht werden – Fußball ist Teamsport, ein Fußballverein ist Teamarbeit. Aber das am Ende einer die Entscheidung treffen muss, ist auch klar, denn je höher die Position, desto höher ist auch die Verantwortung.

Wie sieht Ihre Zukunftsplanung aus? Sie sind mit einem Vertrag bis 2020 ausgestattet.

Blick in die Zukunft: „Ich bin ein Mensch, der langfristig plant, wenn die Philosophie und der eingeschlagene Weg stimmen“.

Ich habe einen Vertrag bis 2020, das stimmt. Auf einer Mitgliederversammlung vor anderthalb Jahren habe ich gesagt, dass ich den MSV langfristig in die 1. Bundesliga bringen möchte, das braucht aber Zeit. Der Verein muss entscheiden, ob er sich mit mir auf diesen Weg macht, Ich bin ein Mensch, der langfristig plant, wenn die Philosophie und der eingeschlagene Weg stimmen. Wenn wir die Klasse halten können, noch mehr Kontinuität reinbekommen und damit unsere sportlichen Ziele erreichen, dann wird es uns in den kommenden Jahren auch finanziell besser gehen. Ich kann nicht sagen, ob das in drei, vier oder fünf Jahren passiert, es geht vielmehr immer wieder um den nächsten Schritt. Wenn man einen Meilenstein erreicht, wird der nächste in Angriff genommen, Stufe für Stufe. Ich möchte natürlich, dass der MSV in die 1. Liga kommt, aber dazu brauchen wir aber noch sehr viel Arbeit und Geduld.

 

Demnächst: Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews mehr zum Verhältnis von Ivica Grlić zu Bosnien und Herzegowina, Einblicke in seine Karriere als Nationalspieler und seine Sichtweise auf die Zukunft des Landes.


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