Ivica Grlić im Interview: „Bosnien ist eine Fußball-Nation, Fußball ist die Nummer 1 im Land!“

Im zweiten Teil des Interviews spricht Ivica Grlić, der Sportdirektor des MSV Duisburg, über sein Verhältnis zu Bosnien und Herzegowina, seine Karriere als Nationalspieler und seine Sichtweise auf die Zukunft des Landes.

Kommen wir zu Ihrem Verhältnis zu Bosnien und Herzegowina. Sie sind in Deutschland geboren, haben aber für die bosnische Nationalmannschaft gespielt. Wie kam es dazu?

„Nationalspieler von Bosnien und Herzegowina zu sein, erdet einen aber auch. Ich bin in Deutschland geboren und war immer wieder von den Verhältnissen in Bosnien tief berührt.“

Der damalige Nationaltrainer war Blaž Slišković – Baka, sein Co-Trainer war Vlatko Glavaš, der damals in Düsseldorf gelebt hat. Mit Ende 20 kam die erste Einladung vom bosnischen Verband. Viele Fußballer nutzten damals die Nationalmannschaft als Sprungbrett, ich hatte meine Karriere bereits alleine aufgebaut. Für mich war aber nie die Frage, ob ich die Einladung annehmen würde oder nicht. Ich war stolz, für die Nationalmannschaft zu spielen, da waren große Spieler dabei – Barbarez, Brazzo (Salihamidžić, a.d.R.), Spahić, um nur einige zu nennen. Wir waren ein verschworener Haufen und wir hätten es verdient, schon 2006 bei der WM dabei zu sein, am Ende hat es leider nicht geklappt, das war schon extrem bitter. Aber der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft war schon ein Erlebnis. Nationalspieler von Bosnien und Herzegowina zu sein, erdet einen aber auch. Ich bin in Deutschland geboren und war immer wieder von den Verhältnissen in Bosnien tief berührt.

Hätten Sie der Nationalmannschaft mehr geben können?

Es gibt Dinge im Leben, die man nicht beeinflussen kann. Es gibt Nationaltrainer, Scouts, die dafür zuständig sind, wer in die Nationalmannschaft kommt und wer nicht. Ab dem Zeitpunkt, wo ich zum ersten Mal eingeladen war, war ich stolz, für Bosnien spielen zu können. Ich bin dankbar für diese unbeschreiblich schöne Zeit.

Sportlich spricht man dem Balkan generell viel Talent zu. Was fehlt uns, um Top-Leistungen abzurufen?

Der Balkan hat sehr viel Talent, ob im Fußball, Basketball oder Handball. Alles, was mit Bällen zu tun hat, liegt uns. Die größte Schwachstelle ist in meinen Augen die Professionalität, die notwendig ist, um das Maximum aus dem Talent auszuschöpfen. Wenn ich mir den aktuellen Kader unserer Nationalmannschaft anschaue, bringen die Spieler aus dem Ausland diese Professionalität mit, die sie an die einheimischen Spieler weitergeben können. Neben der Professionalität ist auch die Mentalität eine Sache, an der wir arbeiten müssen. Nehmen wir die Qualifikation für die WM 2014 in Brasilien. An sich war alleine die Qualifikation ein Riesenerfolg für eine Nation wie Bosnien, dennoch waren die Erwartungen sehr hoch. Nach dem Ausscheiden war dann alles wieder negativ. Andere machen das besser, Island beispielsweise war einfach froh, dabei zu sein. Die WM-Teilnahme hätte als Basis für eine langfristige Entwicklung gesehen werden müssen.

Kann eine solche Zufriedenheit nicht auch Stillstand bedeuten?

„Es ist immer gut für einen Verband, sich Ratschläge zu holen, wenn sie meinen, sie bräuchten Ratschläge. Wenn sie meinen, sie bräuchten keine, dann ist das auch in Ordnung.“

Klar, Zufriedenheit kann Stillstand bedeuten, aber es geht vielmehr darum, sich zunächst realistisch einzuschätzen, mit dem Ziel der stetigen Weiterentwicklung. Da gehört die Philosophie dazu – wohin will man als Fußball-Nation. Bosnien ist eine Fußball-Nation, Fußball ist die Nummer 1 im Land, das ganze Land fiebert mit, wenn die Nationalmannschaft spielt.

Gab es nach Ihrem Karriereende noch Kontakt zum bosnischen Fußballverband? Ihr Wissen und Ihr Netzwerk sind doch gerade das, was wir brauchen, oder?

Nach meiner Karriere? Nein, den gab es nicht. Ich habe nach meiner aktiven Zeit zwei, drei Spiele in Zenica im Stadion angeschaut. Ich hatte mal die Idee, beim Verband Tickets für ein Spiel zu bestellen, was beim Verband aber eher untergegangen ist. Das kann aber natürlich auch Zufall gewesen sein.

Wie halten Sie von so einer Haltung?

Das hängt von der Philosophie der Verantwortlichen des Verbandes ab. Wenn sie von ihrem Weg überzeugt sind, dann müssen das alle akzeptieren. Sergej Barbarez hat so viel Erfahrung, so viel Wissen und ein sehr gutes Netzwerk. Das gilt für alle Nationalspieler, die dazu auch noch auf Vereinsebene international gespielt haben. Es ist immer gut für einen Verband, sich Ratschläge zu holen, wenn sie meinen, sie bräuchten Ratschläge. Wenn sie meinen, sie bräuchten keine, dann ist das auch in Ordnung.

Wenn aber morgen jemand aus dem Verband anrufen würde, wären Sie bereit, einen Ratschlag zu geben?

Das ist doch normal, das würde jeder tun. In Bosnien ist es nicht so strukturiert wie in Deutschland. Ich bin nie ein Mensch gewesen, der sich in so etwas reindrängt. Ich kann die Arbeit in Bosnien nicht beurteilen, weil ich keine internen Informationen kenne. Es wäre ein schlechtes Zeichen, wenn ich mich da melden würde und den Klugscheißer geben würde. Da mag es andere geben, ich bin so ein Mensch nicht.

Sprechen wir nun über den Klub-Fußball in Bosnien und Herzegowina. Haris Duljevic ist in diesem Sommer nach Dynamo Dresden gewechselt. Wäre das nicht ein Kandidat für den MSV gewesen?

Haris ist natürlich ein interessanter Spieler, wir hatten aber seit längerer Zeit diese Position gut besetzt. Natürlich schaut man generell auf dem Balkan, welche interessanten Spieler dort auf dem Markt sind. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Faktoren, die den Klub-Fußball auf einem niedrigeren Niveau halten – die Qualität der Internate, der Ausbildung, der Plätze.

Wie kann es gelingen, das Niveau des bosnischen Klub-Fußballs zu steigern?

„Dennoch zeigen die Menschen vor Ort so viel Zufriedenheit und Glück, obwohl sie verglichen mit Deutschland fast nichts haben. Das ist eine Gabe, die man entweder hat oder nicht hat – und das ist sehr positiv. Dafür liebe ich das Land.“

Man müsste entlang der gesamten Wertschöpfungskette die Qualität der Ausbildung erhöhen. Dazu gehören qualifizierte Mitarbeiter, die ihr Fachwissen auf einem Gebiet einbringen können. In Bosnien gibt es aber dann jemanden, der alles macht – Marketing, PR, Strategie, Philosophie und Team-Manager – diese Aufgaben sind in erfolgreichen Nationen auf mehrere Schultern verteilt. Zudem geht es nur über eine verbesserte Infrastruktur, bessere Plätze. Das würde das Niveau automatisch erhöhen und die Liga attraktiver machen. Da kommen wir aber zum finanziellen Problem, da eine solche Investition nicht alle Vereine stemmen können. Diese Investitionen sind das wichtigste Thema, wenn man junge Talente ausbilden und halten möchte. Selbst in Deutschland, wo die Nachwuchsförderung zur Weltspitze gehört, reden wir darüber, wie wir die Nachwuchsleistungszentren (NLZ) weiter optimieren, die Schulkooperationen weiter verbessern können, um das Maximum aus dem fußballerischen Talent zu holen. In einem sehr armen Land ist das sehr schwer umzusetzen. Dennoch bin ich mir sicher, dass sich die handelnden Personen in Bosnien dieser Situation bewusst sind. In Bosnien gibt es generell andere Prioritäten in der Gesellschaft, als den Fußballverein nach vorne zu bringen, da geht es primär um wirtschaftliche Themen, das Einkommen, die Rente. Dennoch zeigen die Menschen vor Ort so viel Zufriedenheit und Glück, obwohl sie verglichen mit Deutschland fast nichts haben. Das ist eine Gabe, die man entweder hat oder nicht hat – und das ist sehr positiv. Dafür liebe ich das Land.

 

 


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