Unternehmer Edin Dačić – aus der Schweiz nach Bosnien

Edin Dacic wuchs in der Schweiz auf, fühlte sich aber immer als Jugoslawe. Nach seinem Studium kehrte er in sein Herkunftsland zurück, um die wirtschaftlichen Chancen auf dem Balkan zu packen. Von Andreas Ernst (NZZ).

«Wenn du die Sprache verstehst, verstehst du noch gar nichts.» Edin Dacic sagt das ohne Verbitterung. Es ist nur eine von vielen Erkenntnissen nach über 25 Jahren unternehmerischer Tätigkeit in Kroatien, Bosnien und Serbien. Die Sprache des ehemaligen Jugoslawien war ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater, ein Zahnarzt, stammte aus dem montenegrinischen Sandzak, die Mutter aus der serbischen Sumadija. Doch alles andere, was es braucht, um auf dem Balkan ein erfolgreicher Unternehmer zu werden, musste Dacic, der als Fünfjähriger mit den Eltern in die Schweiz emigrierte, von der Pike auf lernen. Es war ein steiniger Weg. Doch heute ist seine Firma Daccomet Inhaberin von zwei Möbelfabriken. Die eine mit 370 Beschäftigten liegt im bosnischen Prnjavor, die andere mit 210 Angestellten in Cuprija, dem Heimatort seiner Mutter in Serbien. Beide Firmen sind profitabel und erwirtschaften zusammen einen Umsatz von rund 21 Mio. €.
Ikea als Glücksfall

Weshalb entscheidet sich ein Absolvent der prestigereichen Hochschule St. Gallen Ende der 1980er Jahre, seine Karriere ausgerechnet auf dem Balkan zu machen? Das hat zuerst einmal biografische Gründe. Dacic fühlt sich als Heranwachsender in der Schweiz als Jugoslawe. Während des kurzen Reformfrühlings unter Ante Markovic, als sich nach 1989 die wirtschaftliche Lage vorübergehend aufhellte und die NZZ vom Heranwachsen eines wirtschaftlichen «Tigers» im Südosten schrieb, will der 21-jährige Edin sofort die Koffer packen. «Ich hatte Angst, etwas zu verpassen.» Die Eltern reden ihm die Pläne aus. Doch 1990 gründet er mit einem Vorschuss des Vaters die Firma Daccomet und liefert Jeans aus Hongkong nach Jugoslawien. Dessen gewaltsamer Zerfall empfindet er als traumatisch. Als Jugoslawe verliert er nicht nur ein Land, sondern auch einen Teil der persönlichen Identität. Jetzt wird die Schweizer Wahlheimat wichtiger. «Aber als eingebürgerter Schweizer dachte ich, wird mir mein jugoslawischer Name immer im Weg stehen. Ein Dacic an der Spitze einer Grossbank – undenkbar. Damals jedenfalls.» Aus dem Nachteil der Herkunft will er einen Vorteil machen und wendet sich der alten Heimat zu.

Als Dacic 1998 drei Jahre nach dem Krieg über schwankende Pontonbrücken durch das versehrte Bosnien fährt, fürchtet er, es sei zu früh, um hier zu investieren. Er hat in Kroatien bei einem Autozulieferer mehrjährige Erfahrungen mit der «verlängerten Werkbank» eines globalisierten Unternehmens gemacht. Doch dann vernimmt er, dass Ikea schon kurz nach dem Waffenstillstand ins Land gekommen ist, um die Möbelindustrie anzukurbeln. Die Schweden hatten schon vor dem Krieg das Potenzial des Landes erkannt: Zur Hälfte von Wäldern bedeckt, mit niedrigen Arbeits- und Energiekosten und nahe an Westeuropas Absatzmärkten, ist Bosnien ein idealer Standort für die holzverarbeitende Industrie. 2000 beginnt die Zusammenarbeit mit Ikea, und vier Jahre später kauft Daccomet die Möbelfirma Standard im nordbosnischen Prnjavor im Rahmen einer Voucher-Privatisierung. Dacic bezeichnet die Kooperation mit Ikea als Glücksfall. Die Schweden seien viel mehr als nur Abnehmer seiner Möbel. Das «Benchmarking», bei dem die Firma immer wieder mit den besten Zulieferern des Konzerns verglichen werde, das Drängen auf Ausweitung und Steigerung von Produktion und Produktivität halte die Firma auf Trab. Die Firma wuchs in den Anfängen jährlich um 20%, derzeit sind es noch 5 bis 10% pro Jahr. Die Zahl der Angestellten hat sich verfünffacht. Die Zusammenarbeit mit Ikea bedeute nicht nur Druck, sondern auch Unterstützung: Dank Beratung und Investitionshilfen sei über die Jahre ein Vertrauensverhältnis entstanden. Zu den chronischen Problemen für Unternehmer in der Region zählt der Zugang zu bezahlbaren Krediten. Dacic schätzt sich glücklich, vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) einen Investitionskredit aus dem Seco-Startup-Fund, der für private Unternehmen in Transformationsländern vorgesehen ist, erhalten zu haben.

Schweizer Hilfe für Startups

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und die Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) engagieren sich in der Wirtschaftsförderung von Bosnien-Herzegowina. Für Startups und KMU stehen Darlehen zur Verfügung. Bewährt ist der «Seco-Start-up Fund»: Investoren mit Schweizer Wohnsitz können Darlehen bis zu 500 000 Fr. für den Aufbau von erfolgversprechenden privatwirtschaftlichen Projekten erhalten und maximal 50% ihrer Investition vorfinanzieren. Das Darlehen muss in 5 Jahren zurückgezahlt werden. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Reform der Berufsbildung. Sie soll zur Bereitstellung von am Markt nachgefragten Fähigkeiten beitragen und die Jugendarbeitslosigkeit reduzieren. Im Rahmen von Public-Private Partnerships werden private Firmen und staatliche Schulen zusammengebracht und neue Ausbildungskonzepte entwickelt. Die Schweizer Botschaft in Sarajevo dient zudem als Anlaufstelle für die bilaterale Handels- und Wirtschaftsförderung

Sozialistische Altlasten

Die Firma Standard war 1943 von Partisanen als Schreinerei und Wagnerei gegründet worden. In den 1970er Jahren erhielt sie den Auftrag, Mobiliar für die Aktion «Tausend Schulen für Bosnien-Herzegowina» herzustellen. Im Krieg wurde die Produktion dann zeitweise auf Särge umgestellt. Das Verwaltungsgebäude, ein langer schmaler Bau, schmiegt sich an die gestaffelt dahinterliegenden Fabrikhallen an. Im schlichten Chefbüro, das auch als Sitzungszimmer dient, hängt eine Foto, das an den Besuch von Ikea-Gründer Ingvar Kamprad im Jahr 2008 erinnert. Dessen Charisma und Begeisterungsfähigkeit haben Dacic beeindruckt.

Wer Balkan und Business hört, dem kommt Korruption in den Sinn. Doch Dacic winkt ab. Beamte, die versprechen, Probleme aus dem Weg zu räumen, und dafür die hohle Hand machen, sind ihm kaum begegnet. Es mag eine Rolle spielen, dass Dacic als Schweizer von manchen Zumutungen verschont wird. Vor allem aber schützen ihn seine Vernetzung in Wirtschaftskammern, darunter der Schweizerisch-Serbischen Handelskammer, und die Kontakte zu Spitzenpolitikern. Nicht Korruption ist sein grösstes Problem: Es mangelt an gut ausgebildeten Arbeitskräften. Was vielen fehle, sei selbständiges Denken und Eigeninitiative. Stattdessen gebe es zu viel Konformismus und den Hang, sich im Kollektiv zu verstecken. Dacic erklärt das mit mentalen Erbschaften des Sozialismus und einer ländlich geprägten, egalitären Gesellschaft.

Ganz anders begegnet einem das junge Kader, das der Unternehmer in den letzten Jahren aufgebaut hat. Dragana Repic, die Vorsteherin der Handelsabteilung, Velisa Malobabic, der Personalchef, und Senja Jaksic, der Entwicklungsingenieur, sind kaum dreissig Jahre alt. In vielen Ländern Ex-Jugoslawiens fehlt eine gut qualifizierte mittlere Generation. Diese Jahrgänge fielen dem Kollaps des Bildungssystems in den 1990er Jahren zum Opfer oder wanderten aus. Auf seine jungen Kaderleute ist Dacic stolz. «Sie denken unternehmerisch, sind anpassungsfähig und könnten in jeder Firma im Westen Karriere machen.» Ist das nicht gerade ein Risiko? Werden sie nicht, wie Zehntausende andere, bei nächster Gelegenheit die Koffer packen und in Deutschland oder der Schweiz eine Stelle suchen? Repic zögert nur kurz: «Die Leute wollen ja nicht einfach weg. Die meisten möchten eigentlich bleiben – vorausgesetzt, sie finden einen guten Job.»

Um die Leistungsträger zu halten, setzt Dacic auf ihre Entwicklungsmöglichkeiten und eine transparente, leistungsgestützte Entlöhnung. Er investiert in Weiterbildung und schickt sie an Führungsseminare in der Schweiz. Damit sollen auch Defizite des heimischen Bildungssystems ausgeglichen werden. Viele der hiesigen Hochschulen seien bloss an Rendite interessiert, sagt Personalchef Malobabic. Die Jobs beim Staat seien immer noch die beliebtesten, und dafür müsse ein Diplom erworben werden. Aber dieser Ausbildung fehle der Praxisbezug. In Bosnien und anderen Ländern der Region wird daher der Ruf der Privatwirtschaft nach einem dualen Bildungssystem immer lauter (siehe Zusatztext). Gut ausgebildete Arbeitskräfte, so der Personalchef, könnten vielfältig eingesetzt werden. Das erhöhe auch die Arbeitszufriedenheit.

Väterliche Strenge

Neben dem jungen Führungsteam ist der altgediente und etwa 60-jährige Boro Jevdjenic immer noch als Direktor im Amt. Seit einem Vierteljahrhundert bei der Firma, verkörpert er Kontinuität und ist der Stabilitätsanker, ohne den der rasante Wandel nicht zu machen wäre. Als der gesundheitlich angeschlagene Direktor für längere Zeit ausfiel, stellte Dacic einen westlich geschulten Ersatzmann ein, der einen partizipativen Führungsstil pflegte. Das Ergebnis war katastrophal: Es war, als ob die ganze Belegschaft innerlich gekündigt hätte. Erst als Jevdjenic, nur halb kuriert, jedoch mit gewohnter väterlicher Strenge, zurückkam, kehrte wieder Normalität ein.

Aber Dacic braucht mehr als das: Um bei Ikea mitzuhalten, muss die Produktivität gesteigert werden. Das war vor allem in den Anfangsjahren eine Herkulesaufgabe. Dacic fand Hilfe in der Schweiz. Die Stiftung Swisscontact stellte einen Fachmann zur Verfügung, der die Produktionsabläufe minuziös erfasste. Es wurde klar, dass die Produktivität wenigstens verdoppelt werden musste. Dacic rief die Belegschaft in der Kantine zusammen. Nachdem er die Zielvorgabe verkündet hatte, herrschte Schweigen. Dann meldete sich einer: So hätten sie sich die Privatisierung nicht vorgestellt. «Nun», erwiderte Dacic, «dafür erhaltet ihr auch den doppelten Lohn!» Wieder Schweigen. «Sie haben mir einfach nicht geglaubt», sagt Dacic.

Verdoppelung der Löhne

Schritt für Schritt, mit Rückschlägen zwar, wurde das Ziel erreicht. Seit 2008 wird die Belegschaft kollektiv entsprechend der Gesamtleistung entlöhnt. Der Durchschnittslohn beträgt heute etwa 600 Mark (rund 300 €) netto. Gleich viel geht als Sozialabgaben an den Staat. Die nächste grosse Hürde baute sich kurz vor der Finanzkrise auf: akuter Arbeitskräftemangel, obwohl die Arbeitslosenquote bei fast 40% lag. Dacic begann, in China Arbeiter zu suchen. Als Politiker in der Hauptstadt davon Wind bekamen, machten sie ihm klar, dass das niemals akzeptiert würde. Mittlerweile hatte Dacic herausgefunden, dass viele der angeblich Arbeitssuchenden im Ausland oder in der grauen Wirtschaft beschäftigt waren. Weil diese Firmen die Sozialabgaben nicht zahlen, sind ihre Nettolöhne höher. Die Arbeitnehmer ziehen höhere Gehälter den Rentenansprüchen in ungewisser Zukunft vor. Es war die Krise 2008, die Dacic aus der Patsche half: Zum einen sank die Nachfrage von Ikea. Zum andern entliessen die im Graubereich wirtschaftenden Bauunternehmen Personal. Und weil Standard einen guten Ruf als Arbeitgeber hat, kann sich die Firma ihre Mitarbeitenden jetzt aussuchen.

Ein Spaziergang ist Dacics Engagement in der alten Heimat nicht geworden, und schon gar kein Ritt auf dem Tiger. Aber unter dem Strich hat es sich gelohnt. In Form einer «Public-Private-Partnership» zeichnet sich eine neue Herausforderung im Osten Serbiens am Horizont ab. Über die Details will sich Dacic noch nicht äussern. Doch die Voraussetzungen sind gut: unternehmerisches Talent, hart erarbeitete Vertrautheit mit dem gesellschaftlichen Umfeld, die Vernetzung mit wichtigen Entscheidungsträgern – und nicht zuletzt Unterstützung aus der Schweiz. Man traut Dacic zu, die Chance zu packen.

Stetig sinkende Bevölkerungszahl

Bosnien-Herzegowina zählt 3,5 Millionen Einwohner; 1991, vor dem Krieg, waren es noch 4,3 Millionen. Rund 2 Millionen Bosnier leben in der Diaspora. Der Rückgang der Bevölkerungszahl ist vor allem der Emigration geschuldet und geht weiter. In den letzten zwei Jahren verlor das Land 70 000 Einwohner, darunter viele gut ausgebildete Fachkräfte. Jährlich überweist die Diaspora 1,8 Mrd. € an Rimessen (12% des Bruttoinlandprodukts, BIP). In den vergangenen zwei Jahren lag das Wirtschaftswachstum bei rund 3%, ohne dass dadurch die Arbeitslosenquote von 43% verringert worden wäre. Allerdings ist diese Zahl wegen der verbreiteten Schwarzarbeit nur wenig aussagekräftig. Die verarbeitende Industrie trägt zirka einen Fünftel zum BIP bei und beschäftigt einen Drittel der Arbeitnehmer. Die Industrieproduktion stieg im vergangenen Jahr um 4%, die Möbelfertigung sogar um 40%. Der Anteil der Holzverarbeitung an der Gesamtwirtschaft liegt bei 7%. Die Wirtschaft leidet unter einer chronischen Knappheit an Investitionen (2015: 0,8% des BIP), was auf schwierige Rahmenbedingungen zurückzuführen ist (ineffiziente Verwaltung, schwache Infrastruktur). Nach dem EU-Stabilisierungs- und -Assoziierungsabkommen von 2015 wurden einige Reformen in Angriff genommen. Neue Investitions- und Arbeitsgesetze dürften sich positiv auf das Geschäftsklima auswirken.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung.