Vor 25 Jahren brach der Bosnien-Krieg aus – Chronik

Vor 25 Jahren begann in Bosnien-Herzegowina der brutalste der Kriege beim Zerfall Jugoslawiens in den 90er-Jahren. In dem tief gespaltenen Land herrscht noch heute Uneinigkeit, welches Ereignis den blutigen Konflikt auslöste. (Salzburger Nachrichten)

Nachdem die Teilrepublik am 3. März 1992 ihre Unabhängigkeit erklärt hatte, war der Bürgerkrieg nach Tagen mit vereinzelten Schusswechseln voll entbrannt.

Die bosnischen Serben, die knapp ein Drittel der Landesbevölkerung ausmachen, erklären den 2. März zum offiziellen Kriegsbeginn. An diesem Tag wurde ein serbischer Hochzeitszug in Sarajevo von einem muslimischen Bosnier (Bosniake) angegriffen. Dabei wurde ein Hochzeitsgast getötet. Am Tag darauf wurden in der Stadt erste Barrikaden errichtet.

Kurz vor dem Angriff hatten am 1. März mehr als 99 Prozent Teilnehmer an einer Volksabstimmung für die Unabhängigkeit Bosniens gestimmt. Die bosnischen Serben hatten das Referendum allerdings boykottiert. Die Beteiligung lag bei 63 Prozent der Bevölkerung.

Für die Bosniaken, die die Bevölkerungsmehrheit stellen, und die Kroaten mit gut 15 Prozent der Bevölkerung markiert ein anderes Ereignis den Beginn des (Bürger)Kriegs: Bei den großen Friedenskundgebungen, an denen am 5. April in Sarajevo gut 40.000 Menschen teilnahmen, erschossen Unbekannte – vermutlich serbische Milizen – fünf Personen. Bosniaken und Kroaten betrachten diese als die ersten Kriegsopfer.

Bosnien-Herzegowina als unabhängiger Staat anerkannt

Einen Tag nach den Großdemonstrationen wurde Bosnien-Herzegowina von dem EU-Vorgänger Europäische Gemeinschaft (EG) als unabhängiger Staat anerkannt, am 7. April auch von den USA. Am selben Tag verkündeten bosnische Serben die Unabhängigkeit ihrer bereits am 9. Jänner 1992 gebildeten Republika Srpska. Von da an wurde mehr als dreieinhalb Jahre mit aller Brutalität gekämpft.

Mitte April 1992 begann die dreijährige Belagerung Sarajevos durch bosnisch-serbische Truppen. Darauf folgten die ersten „ethnischen Säuberungen“ der in nördlichen und östlichen bosnischen Städten lebenden Bosniaken und Kroaten.

Die Blockade der Hauptstadt dauerte rund 1.420 Tage. Nur durch einen 1993 errichteten Tunnel nahe dem Flughafen Butmir konnten Verwundete aus Sarajevo evakuiert und Nahrungsmittel sowie Medikamente geliefert werden. Zwischen 1992 und 1995 kamen etwa 10.000 Menschen in der Hauptstadt ums Leben, darunter 1.600 Kinder. Allein bei zwei Angriffen auf den Gemüsemarkt Markale wurden im Februar 1994 und August 1995 über hundert Menschen getötet.

Schreckliche Bilanz

Insgesamt fielen 100.000 Menschen dem Bosnien-Krieg zum Opfer. Etwa 7.000 Personen gelten noch immer als vermisst, darunter auch etliche ehemalige Einwohner Srebrenicas. Die zur UNO-Schutzzone erklärte ostbosnische Stadt wurde im Juli 1995 von bosnisch-serbischen Truppen eingenommen. Daraufhin kam es dort zum Völkermord: An die 8.000 bosniakische Männer und Burschen wurden ermordet.

Durch die Paraphierung des unter Vermittlung der USA erzielten Dayton-Abkommens am 21. November 1995 wurde den Kriegshandlungen ein Ende gesetzt. Die Kriegsparteien vereinbarten einen Friedensplan, der am 14. Dezember in Paris unterzeichnet wurde: Bosnien-Herzegowina wurde als multi-ethnischer Staat mit zwei Landesteilen (Bosniakisch-Kroatische Föderation und Republika Srpska) mit drei Staatsvölkern (Bosniaken, Serben, Kroaten) auf die Beine gestellt. Die Konstruktion erwies sich als schwer- und blockadeanfällig. Bisherige Versuche, den Staat funktionstüchtiger zu machen, sind gescheitert.

Der eine Abspaltung der Republika Srpska propagierende bosnisch-serbische Präsident Milorad Dodik sorgt immer wieder für landesweite Aufregung. Nur langsam bewegt sich Bosnien in Richtung eines EU-Beitrittes. 2008 wurde ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union abgeschlossen. In Kraft ist es erst seit Juni 2015, nachdem sich die führenden bosnischen Politiker zu Reformschritten verpflichtet hatten. Bei einem Besuch in Sarajevo sprach EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn kürzlich von „positiven Resultaten“, die Bürger spüren freilich kaum etwas davon.

Die südliche Stadt Mostar blieb eine geteilte Stadt. Auch die Wiedererrichtung der 1993 zerstörten alten Brücke vermochte die unsichtbaren Trennlinien zwischen den im Osten von Mostar lebenden Bosniaken und den Kroaten im Westen nicht zu beseitigen. Die in Mostar aufwachsenden Nachkriegsgenerationen gehen in nach Ethnien getrennte Schulen.

Chronik

1. März 1992: Unabhängigkeits-Referendum

Bei einer Volksabstimmung in Bosnien-Herzegowina stimmen 99,4 Prozent der Wähler für die Unabhängigkeit. Die bosnischen Serben boykottieren das Referendum.

2. März: Unruhen

Unruhen in Sarajevo: Es wird von einem ersten Toten und mehreren Verletzten berichtet.

3. März: Unabhängigkeitserklärung

Die Republik Bosnien-Herzegowina erklärt sich für unabhängig. Im Land kommt es zu vereinzelten Kämpfen, die sich im April verstärken.

4./5. April: Belagerung Sarajevo

Proserbische Kräfte nehmen den Flughafen von Sarajevo ein. Die Stadt ist damit eingekesselt. Während der mehrjährigen Belagerung sterben etwa 10.000 Menschen.

6. April: EG erkennt Bosnien-Herzegowina an

Der EU-Vorgänger EG Europäische Gemeinschaft erkennt Bosnien-Herzegowina als unabhängigen Staat an. Die USA folgen einen Tag später. Im ganzen Land brechen Kämpfe aus, mehr als ein Dutzend Menschen sterben.

30. April: UNO entsendet Truppe

Die Vereinten Nationen entsenden Militärbeobachter der UNO-Schutztruppe UNPROFOR nach Bosnien-Herzegowina.

12. April 1993: Flugverbot wird durchgesetzt

Die NATO beginnt, das seit Oktober 1992 geltende Flugverbot über Bosnien-Herzegowina mit Kampfflugzeugen durchzusetzen.

28. Februar 1994: Erster Kampfeinsatz der NATO

Im ersten Kampfeinsatz der NATO-Geschichte schießen Flugzeuge des Bündnisses vier bosnisch-serbische Maschinen ab.

10. April 1994: Bodenziele angegriffen

Um UNO-Soldaten zu schützen, greifen NATO-Flugzeuge erstmals Bodenziele an.

13. Juli 1995: Massaker in Srebrenica

Nach dem Fall der Stadt Srebrenica beginnen bosnisch-serbische Truppen damit, männliche Bewohner der Stadt zu erschießen. Rund 8.000 muslimische Männer und Burschen werden getötet. Es ist der schlimmste Völkermord in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

21. November 1995: Vertrag von Dayton

In Dayton (US-Staat Ohio) vereinbaren die Kriegsparteien einen Friedensplan, der am 14. Dezember in Paris unterzeichnet wird: Bildung eines multi-ethnischen Staates Bosnien-Herzegowina aus zwei Teilstaaten (Bosniakisch-Kroatische Föderation und Serbische Republik) in anerkannten Grenzen mit einer demokratischen Regierung.

14. Dezember 1995: Erster Hoher Repräsentant

Der erste Hohe Repräsentant der Vereinten Nationen in dem Land tritt sein Amt an. Der UNO-Vertreter hat bis heute weitreichende Vollmachten, um die Einhaltung des Dayton-Abkommens sicherzustellen.

20. Dezember 1995: EUFOR startet Mission

Die ersten Einheiten der unter NATO-Kommando stehenden und bis zu 60.000 Mann starken internationalen Friedenstruppe IFOR rücken in Bosnien ein. Seit 2004 ist die EUFOR, eine jetzt etwa 600 Soldaten umfassende Truppe der EU, für die Stabilisierung der Lage zuständig. An der EUFOR ist auch Österreich beteiligt.

Quelle: Salzburger Nachrichten