Weil es oft gleich mit dem ersten Ton mitten ins Herz triff

Der bosnische Blues – so wird die Sevdah-Musik auch genannt. Weil sie so traurig ist, weil sie so unmittelbar von den Freuden und Leiden der Menschen erzählt, und weil sie oft gleich mit dem ersten Ton mitten ins Herz trifft. (Wiener Sevdah)

Das Wort Sevdah bedeutet auf Türkisch Liebe und auf Arabisch schwarze Galle. Es ist aber nicht leicht, das bosnische Konzept des Sevdah mit einem Wort zu beschreiben – am nächsten kommt ihm wohl noch die deutsche „Sehnsucht“, wobei auch dieser Begriff viel zu simpel ist um die wahre Bedeutung zu ergründen. Wie Duende im Spanischen oder Fado im Portugiesischen trägt Sevdah viele Bedeutungen in sich – sei es Sehnsucht, Schwermut, Melanchonie, Liebe, unerfüllte Liebe, endlose Liebe, ein fieberhaftes Begehren das den Liebenden wie Malaria heimsucht und sich nicht abschütteln lässt – aber schlussendlich geht es um ein Lebensgefühl das sich selbst erzählt.

Sevdalinke, wie die Sevdah-Lieder heissen, sind poetische Erzählungen verpackt in musikalischen Hochgenuss, dargeboten von wahrhaftigen KünstlerInnen die alles andere als künstlich wirken (dürfen). Einzig „wahre Seelen“ werden als Sevdah-InterpretInnen vom Publikum angenommen. Sevdah kann man nicht einfach singen, man muss es spüren um es wiedergeben zu können. Viele dieser Gedichte welche, an „die gute alte Zeit“ erinnernd, von ubeschreiblich schönen Frauen, prunkvollen Städten, (un)erfüllten oder (durch die früheren gesellschaftlichen Regeln) verhinderten Lieben aber auch von Begierde, Lust und nicht selten von sehr konkreten sexuellen Anspielungen handeln, stammen von anerkannten Poeten und Dichtern. Die meisten Sevdalinke sind aber wahre Volkslieder ohne bekannten Autor.

Sevdah entstand vor ca. 500 Jahren im Raum des heutigen Bosnien-Herzegowinas als die Sephardischen Einflüsse der Einwanderer von der Iberischen Halbinsel sich mit der heimischen Kultur und den Einflüssen des Osmanischen Reiches vermischten. Lange Zeit wurden die Sevdalinka ohne musikalische Begleitung dargeboten. Erst mit der Zeit begann man sie mit Begleitung des Saz musikalisch zu untermalen. Später kamen auch andere Instrumente dazu. Eine „Revolution“ war mit Sicherheit die Verschmelzung des Akkordeons mit dem Sevdah, welches auch heute kaum aus der Sevdah-Musik weg zu denken ist.

Sevdah verdankt seinen heutigen Stellenwert zum großen Teil den KünstlerInnen die in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts aktiv geworden sind und die diese Musiktradition auf wunderbare Weise interpretiert und meistens in Begleitung des einzigartigen Orchesters von Radio Sarajewo vertont haben. In dieser Hoch- und Blütezeit des Sevdah agierten Beba Selimovic, Silvana Armenulic, Zehra Dejovic, Zaim Imamovic, Himzo Polovina, Safet Isovic um nur einige wenige Namen zu nennen. In dieser Zeit wurden auch viele neue Sevdah-Texte und -Arrangements geschrieben, die das „Repertoir des Sevdah“ unheimlich bereichert haben.

In den 80er Jahren und vor allem mit dem Beginn des Krieges in Bosnien-Herzegowina und den Schrecken dieser furchtbaren Zeit für das Land und den gesamten Balkan geriet auch der anspruchsvolle Sevdah ein wenig in Vergessenheit. Die Kommerzialliesierung der Ethnomusik führte viele neue „KünstlerInnen“ in die Irren des stark aufkommenden Turbo-Folks. Bei der Fülle von Alben und Videos (mit Fortdauer dieses „Phänomens“ mit immer leichter bekleideten Frauen und zunehmend einfältigeren Texten) hätte man leicht das Gefühl bekommen können, dass sich niemand mehr für Sevdah interessieren würde.

Allerdings hatten die Menschen nie aufgehört Sevdah zu hören und vor allem zu singen. Sevdalinke sind unumstößlicher Teil der Kultur und Tradition der Menschen vom Balkan und werden bei allen gesellschaftlichen Ereignissen angestimmt. Im Volksmund wird oft vom „in den Sevdah fallen“ erzählt und die Defenition „Sevdah ist wenn Babo (Vater) weint und singt“ verwendet. Dies erläutert den Sevdah vielleicht am ehesten. Diese Musik ist viel mehr als blosse Unterhaltung. Sie ist in guten wie in schlechten Zeiten Balsam für die Seele. Vor allem ist Sevdah aber eines: universell verständlich! Es geht bei den Interpretationen nicht darum jedes einzelne Wort zu verstehen sondern um die Gefühle die beim Erklingen der Melodien und des Gesangs transportiert werden.

Lijepa Zejno ja se vraćat neću

Ti se udaj za kim srce žudi

Tvoja sreća bije ti iz grudi

Zaboravi šta govore ljudi

 

Lijepa Zejno pozdravi mi majku

Ocu reci da me ovdje budi

Moja sreća što mi grije grudi

Ovdje brinu o ljubavi ljudi

 

Lijepa Zejno šeherom mi prođi

Kada puhne vjetar sa planine

I pronese s krovova tišine

Glasnije su od pjesme i rime

Fair Zeyna, I shall not return

Your heart’s desire you should wed

Your heart only joy can spread

Forget what people have said

 

Fair Zeyna, be kind to my mother

And to my father this you should say

Joyful I am, in this place far, far away

To love much heed here they pay

 

Fair Zeyna, walk the streets for me

When cold breeze from the mountain blows

Moving silence along the roofs and walls

Louder than any rhyme and songs

Ende der 90-er Jahre besinnten sich viele MusikerInnen wieder zum Sevdah zurück bzw. entdeckten zunehmend mehr junge KünstlerInnen, von denen die meisten auf fundierte und exzellente, und nicht selten internationalle, musikalische Ausbildungen und Erfahrungen in Klassischer Musik, Jazz, Rock und Pop zurückblicken können, ihre Liebe und Verbundenheit mit dem Sevdah. Das war die „Wiederaufstehung“ des Sevdah in noch nie dagewesener Form. Ganz neue Arrangements und Formen des Sevdah wurden geboren welche bald weit über die Grenzen des Balkans auf World-Music- und Jazz-Festivals für Aufsehen gesorgt haben. Dertum, Mostar Sevdah Reunion, Amira Madunjanin, Edin Bosnic, Natasa Mirkovic, Sandy Lopcic, Damir Imamovic, Divanhana, Vanja Muhovic und viele andere mehr sind Namen von Formationen und KünsterInnen welche in den letzten Jahren sehr gerne gesehene Gäste in ganz Europa und der Welt sind und für Begeisterung für Sevdah beim Publikum und den Kritikern geführt haben.

Damir Imamovic für DeutschlandradioKultur

Viele sprechen vom „Neuen Sevdah“ im Bezug auf die heute dargebotenen Interpretationen. Kooperationen mit namhaften Größen der weltweiten Jazz-Szene führen zunehmend zu einer Internationalisierung und Vermischung verschiedener Stilrichtungen die alle auf ihre Weise den Sevdah, ganau so wie einst die Einführung verschiedener Instrumente, bereichern und erweitern. Die wahren Kenner sehen aber den „wahren Sevdah“ nicht in Gefahr seine Wurzeln zu verlieren und zu etwas zu mutieren was er nicht sein sollte. Sevdah ist nämlich und bleibt weiterhin, in jeglicher Ausprägung eines: Musik für die Seele!